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Dirigentin Susanne Blumenthal: "Den tradierten Konzertablauf aufbrechen" – Neue Leiterin des Studentenorchesters Münster

14. Oktober 2011 - 07:56 Uhr

Susanne Blumenthal hat Deutsch, Musik und Dirigieren studiert und eine pianistische Ausbildung erworben. Die 36-Jährige Musikerin leitet mehrere Orchester und Chöre, die sie vielfach auch selbst gegründet hat. Dazu zählen das EOS Kammerorchester Köln und das Vokalensemble o:ton sowie – als Pianistin – das Helios Ensemble. Im Sommer 2011 wählte sie das Studentenorchester Münster aus 49 Bewerbern zu seiner neuen Dirigentin. Wenige Tage vor ihrem Debütkonzert mit dem SOM gab Susanne Blumenthal dem Nachrichtenmagazin musik heute ein Interview.

Susanne Blumenthal

musik heute: Warum haben Sie sich für ein Studentenorchester beworben?

Susanne Blumenthal: Ich schätze sehr das große Engagement und die Spielfreude, die erfahrungsgemäß in Studentenorchestern gegeben ist. Abgesehen davon genießt speziell dieses Orchester einen sehr guten Ruf und arbeitet auf erstaunlich hohem Niveau.

musik heute: Ihr Vorgänger Joachim Harder hat das SOM – mit Unterbrechungen – seit der Gründung 1976 geleitet und somit geprägt. Ist die Übernahme dieses Postens für Sie eher Last oder Herausforderung?

Susanne Blumenthal: Weder noch. Jeder Dirigent setzt meist automatisch unterschiedliche musikalische wie programmatische Schwerpunkte. Die Tradition und den aktuellen Stand des Orchesters aufgreifend werde ich meine musikalischen Ideen vorschlagen und in Absprache mit dem Orchester realisieren.

musik heute: Hat Ihr Vorgänger Sie in irgendeiner Weise in das Orchester eingeführt bzw. Ihnen das Ensemble "übergeben"?

Susanne Blumenthal: Nein, und das erachte ich auch als sinnvoll. Ich selbst handhabe das bei Leitungswechseln ähnlich. So kann sich der Nachfolger / die Nachfolgerin unvoreingenommen selbst ein Bild vom Ensemble machen und entscheiden, was er oder sie zunächst vorrangig in den Fokus rücken möchten. Zudem oblag ja zuletzt Till Drömann interimsmäßig die musikalische Leitung.

musik heute: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Orchester bisher gemacht?

Susanne Blumenthal: Ausschließlich positive! Die große Spielfreude, der musikalische Ehrgeiz und die große Lust am gemeinsamen Musizieren ist deutlich spürbar. Es ist wirklich ein sehr nettes und motiviertes Orchester und eine äußerst angenehme Probenatmosphäre. Ich freue mich schon auf die nächsten Proben und natürlich das bevorstehende Konzert.

Bemerkenswert ist auch der sehr professionell arbeitende und äußerst engagierte Vorstand. Allein der Ablauf und die Organisation des Auswahldirigierens oder auch jetzt des Kinderkonzerts waren äußerst professionell. Ich staune immer wieder, wie viel Elan und persönlicher Einsatz neben dem mitunter wirklich sehr umfassenden universitären Verpflichtungen an den Tag gelegt werden – das ist wahrhaftig nicht selbstverständlich. Als schön und auch durchaus besonders erlebe ich zudem die von Beginn an herzliche und offene Kommunikation. Ich bin mir sehr sicher, dass die Zusammenarbeit viel Spaß machen wird.

Moers Festival 2008

musik heute: Dem Studentenorchester Münster gehören nicht nur Studenten anderer Fachrichtungen an, sondern auch Berufstätige. Wie unterscheidet sich die Arbeit mit so einem Ensemble von einem "professionellen" Orchester?

Susanne Blumenthal: In einem Studentenorchester ist ein jeder Mitglied aufgrund der bewussten Entscheidung speziell für dieses Orchester sowie – und das ist wesentlich – für das symphonische Musizieren als Freizeitbeschäftigung und Ausgleich zum Berufs- bzw. Uni-Alltag. Das beinhaltet natürlich oftmals eine andere Musizierhaltung: nicht geprägt von Dienstverpflichtung wie in professionellen Orchestern sondern vielmehr von einer ausgesprochen hohen persönlichen Motivation. Das spiegelt sich in der Probenatmosphäre wider. Andererseits ist ein Studentenorchester hinsichtlich des individuellen Leistungsniveaus natürlich viel heterogener und damit in der Einstudierungsphase probenintensiver. Dem muss probendidaktisch Rechnung getragen werden.

musik heute: Welche Pläne haben Sie für das Orchester?

Susanne Blumenthal: Ohne ins Detail gehen zu wollen, da dies hier den Rahmen sprengen würde: Grundsätzlich möchte ich natürlich die aktuell hohe Klangqualität sichern und weiterentwickeln. Programmatisch plane ich mittelfristig spartenübergreifende Konzertkonzepte sowie progressive Konzertformen, die den tradierten Ablauf des klassischen Konzerts aufbrechen. Der starre, konventionelle Konzertablauf ist erwiesenermaßen mit ein maßgeblicher Grund für mangelndes Interesse seitens jungen Publikums. Und mein Eindruck ist, dass das Studentenorchester Münster sehr offen für derartige Neubeschreitungen ist.

musik heute: Ihr erster Auftritt mit dem Orchester ist ein Kinderkonzert. War das Absicht?

Susanne Blumenthal: Das Kinderkonzert wurde bereits vor dem Auswahldirigieren sowohl terminlich als auch inhaltlich geplant. Auch wenn ich keinen Einfluss darauf hatte, bin ich doch sehr froh über diesen "Einstand". Mit Frau Dr. Ulrike Schwanse wurde eine sehr versierte und ideenreiche Konzertpädagogin gefunden, die ein wirklich sehr schönes, frisches Konzept entworfen hat.

musik heute: Was bedeuten Ihnen die Kinderkonzerte?

Susanne Blumenthal: Ich erachte den Bereich der Musikvermittlung und damit die Förderung des Nachwuchses als enorm wichtig. Abgesehen davon machen Kinderkonzerte einfach immer sehr viel Spaß. Kinder greifen ja oftmals sehr direkt, ungeplant und so herrlich unbefangen ins Geschehen ein. Das ist einfach sehr erfrischend und macht mir und allen Beteiligten gute Laune.

Helios Ensemble

musik heute: Sie dirigieren nicht nur Orchester, sondern auch Gesangsensembles und spielen Klavier im Helios Quartett. Haben Sie in diesen unterschiedlichen Bereichen einen Favoriten?

Susanne Blumenthal: Ich habe es immer sehr geschätzt, dass ich mich bisher nicht festlegen musste. Ich arbeite sehr gerne mit der menschlichen Stimme und finde den Chorklang immer wieder faszinierend. Auch meine pianistische Tätigkeit würde ich nicht missen wollen – wobei das gerade leider etwas zu kurz kommt. In den letzten Jahren hat das Orchesterdirigieren allerdings nach und nach immer größeren Raum eingenommen. Wenn ich mich festlegen müsste, dann würde ich mich auch ganz klar dafür aussprechen. Bei aller Liebe zum Klavier und Chorgesang: die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten eines symphonischen Orchesters, dessen Farben- und Klangreichtum und das differenzierte Arbeiten daran ist für mich mit nichts zu vergleichen.

(Die Fragen stellte Wieland Aschinger.)

http://www.susanneblumenthal.com/

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