Simone Young gelingt eindrucksvoller Hamburg-Abschluss mit Beat-Furrer-Uraufführung

11. Mai 2015 - 11:00 Uhr

Hamburg – Die Hamburger haben lange warten müssen auf ein so hochkarätiges neues Musiktheater-Werk: Die Oper "La bianca notte/Die helle Nacht" des in Österreich lebenden Schweizer Komponisten Beat Furrer hat am Sonntagabend starken Premieren-Beifall bekommen. Ein geglückter Abschied für die Chefin der Staatsoper, Simone Young. Die australische Dirigentin, deren Amtszeit im Sommer abläuft, hat die Staatsoper zehn Jahre geleitet.

La bianca notte/Die helle Nacht

La bianca notte/Die helle Nacht

Der 60 Jahre alte Furrer zählt nicht ohne Grund zu den wichtigsten Erneuerern des zeitgenössischen Musiktheaters. "La bianca notte/Die helle Nacht" ist seine sechste Oper. Nach seiner Hommage auf Marguerite Duras greift er nun das hochpoetische Werk und beklagenswerte Leben des im Irrenhaus endenden italienischen Dichters Dino Campana (1885-1932) auf und brennt es in fein gesponnene, dichteste Klangvisionen.

Dazu erscheint auf dem Hamburger Bühnenvorhang – lange bevor die Musik einsetzt – ein Riesen-Auge, das mit seinem unentwegten Wimpernschlag Zeit und Raum förmlich aufzuheben scheint. Nach dem Motto: Achtung, hier springt die Wirklichkeit fortwährend ins Irreale, ins Alptraumhafte, Fantastische. Ebenso betörend, wie es dem Publikum aus den dunklen, fiebrigen Gedichten und Prosastücken des von Depression, Isolation, Liebesscheitern und Wahn gequälten Dichters entgegentönt.

Wahrlich keine leichte Kost, was Furrer da aus Campanas Werk, aus Briefen der Geliebten Sibilla Aleramo, einem Rätseltext Leonardo da Vincis und Marinettis berühmtem "Futuristischen Manifest" kaleidoskopisch zusammenfügt. Doch setzt das schwer verständliche Libretto dieser modernen Künstleroper bei ihm eine Musik frei, die mit ihren bedrohlich kreisenden, zerdehnten und zerrissenen, sirrenden und ziehenden Klängen immer wieder hypnotisiert. Da fallen auch Spannungsabfälle nur begrenzt ins Gewicht.

Jeremy Herberts attraktives Bühnenbild für die von Simone Young und den Philharmonikern souverän musizierte Uraufführung hat viele Väter: Kubisten und russische Konstruktivisten, Schlemmer und Magritte. Da wurden Kugeln, Würfel, Speere und Spiegel hin- und herbewegt, Gitterwerk aus quadratisch verstrebtem Gestänge verschiebt sich. Für den "verrückten" Campana, der die italienische Literatur revolutionierte, wird die Bühne zu Gefängniszelle, Asyl und Irrenhaus.

Unter der Regie von Ramin Gray setzen sich die Sänger – allen voran Tómas Tómasson als einsamer Dichter-Rebell Campana, Golda Schultz als Geliebte und Tanja Ariane Baumgartner als Seherin und Muse – mit leidenschaftlichen Stimmaktionen triumphal durch.

(Von Barbara Sell, dpa)

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