Gergijew will in München durchstarten – Ganz eigener "Sound" der Philharmoniker

15. Mai 2015 - 16:43 Uhr

München – Der notorisch viel beschäftigte Dirigent Waleri Gergijew will auch in München durchstarten. Ab September wird der Russe zunächst für fünf Jahre die Philharmoniker leiten, die einst der legendäre Sergiu Celibidache zu Weltruhm führte. Der 62-Jährige ist Nachfolger des Amerikaners Lorin Maazel, der vergangenes Jahr überraschend starb.

Waleri Gergijew

Waleri Gergijew

Zur Präsentation seiner ersten Spielzeit war der nimmermüde Russe am Freitag ein wenig verspätet auf dem Münchner Flughafen eingeschwebt. Wie immer blass und mit grau meliertem Dreitagebart erschien er auf der Pressekonferenz im Gasteig-Kulturzentrum und plauderte auf Englisch routiniert über dies und das. Vor allem pries er die Münchner Musiktradition und den spezifischen Klang des Orchesters, den er bewahren wolle. Leider gebe es immer weniger Orchester mit einem ganz eigenen "Sound". Was vielleicht auch an Leuten wie Gergijew liegt, die ununterbrochen um die Welt jetten und, wie Kritiker zuweilen monieren, zu wenig Zeit für intensives Proben haben.

Gergijews Terminkalender ist stets prall gefüllt. Das gibt Anlass zu Frotzeleien. Der britische Musikjournalist Norman Lebrecht veröffentlichte jüngst in seinem Blog das Programm des diesjährigen Moskauer Oster-Festivals, bei dem Gergijew an 29 Tagen sage und schreibe 49 Mal am Pult stehen sollte. Damit sei er wieder einmal, spottete Lebrecht, reif für den einst von dem Diktator Stalin eingeführten Titels eines "Helden der sozialistischen Arbeit".

Auch in München lässt es Gergijew gleich zu Beginn richtig krachen. In der ersten Woche der neuen Saison 2015/2016 will er in acht Tagen sechs Konzerte mit drei unterschiedlichen Programmen leiten. Zum offiziellen Amtsantritt gibt es am 17. September Gustav Mahlers gewichtige 2. Symphonie, die "Auferstehungssymphonie", dicht gefolgt von Bruckners 4. Symphonie ("Romantische") und Tschaikowskys "Pathétique".

Die erste Saison sei ganz auf den neuen Maestro zugeschnitten, sagte Philharmoniker-Intendant Paul Müller. "Wir wollen möglichst schnell ein gemeinsames Repertoire erarbeiten, was auch für unsere Tourneefähigkeit wichtig ist." Ganz neu ist ein dreitägiges, deutsch-russisches Musikfest im November, mit dem vor allem jüngeres Publikum angesprochen werden soll.

Vielleicht gelingt es Gergijew ja, musikalische Brücken zu schlagen zwischen Deutschland und einem sich wieder imperial gebärdenden Putin-Russland. Vergangenes Jahr musste sich der Dirigent noch heftigen Vorwürfen erwehren. Zusammen mit anderen russischen Kulturschaffenden hatte er in einem offenen Brief seine Unterstützung für Putins Ukraine-Politik und die Krim-Annexion bekundet. In einer denkwürdigen Münchner Pressekonferenz wurde Gergijew regelrecht "gegrillt" und machte dabei keine sonderlich gute Figur.

Am Freitag war von der aufgeheizten Stimmung nichts mehr zu spüren. Die Zeichen stehen auf Zukunft, nicht auf Vergangenheit. Vielleicht werden die Münchner Philharmoniker, die zuletzt wenig Glück mit ihren Chefdirigenten hatten, ja doch mehr als eine weitere Station in Gergijews Terminplaner.

(Von Georg Etscheit, dpa/MH)

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Dirigent Gergijew präsentiert erste Saison mit Münchner Philharmonikern (15.05.2015 – 15:54 Uhr)

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