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Klassische Musik im Wandel der Zeit

04. April 2011 - 12:40 Uhr

Von John Axelrod, Dirigent

Vor kurzem nahm ich an einer Konzerteinführung in Düsseldorf teil. Wir sprachen über die Evolution der klassischen Orchester, ihre Bedeutung für die Gesellschaft und die Benimmregeln im Konzertsaal. Ich erinnerte das Publikum daran, dass diese Regeln, die wir alle kennen – stillsitzen, zwischen den Sätzen nicht husten oder klatschen und so weiter – Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Das war die Zeit der Diktatoren. Deshalb setzten sich Menschen hin und hielten den Mund.

Dirigent John Axelrod (Foto: © Marc Roger/ONPL)

Wenn die Menschen zwischen den Sätzen klatschen wollen, stört mich das nicht. Und die meisten Orchester, die ich kenne, stört es auch nicht. Es hängt natürlich von dem jeweiligen Musikstück ab. Deshalb sagte ich bei der Einführung: "Ihr wollt klatschen? Nur zu! Ihr wollt pfeifen? Aber klar doch! Wir sind in einem Konzert!" Den jungen Leute gefiel diese Freiheit, sich in der Konzerthalle auszudrücken. Und als Anne Akiko Meyers und ich das Violinkonzert von Barber spielten, sind die Jugendlichen bald ausgeflippt: Sie sangen und tanzten und klatschten und hatten eine tolle Zeit. Hinterher kamen sie zu mir und sagten: "Danke! An dieses Erlebnis von klassischer Musik werden wir uns ein Leben lang erinnern!" Das gleiche ist mir kürzlich in Frankreich mit dem Orchestre National des Pays de la Loire passiert. Wir gaben ein Konzert mit Tschaikowskys "Nussknacker" und Duke Ellingtons "Harlem Nutcracker". Während der Zugabe hat eine 16-Jährige beim "Blumenwalzer" mit mir auf dem Podium getanzt. Da haben wir gar nicht gezögert!

Wenn man den Menschen eine Erinnerung fürs Leben gibt, kann man ein Publikum entwickeln. Wenn man nur Lippenbekenntnisse ablegt nach dem Motto: "Oh, wir bieten auch pädagogische Programme", aber keine messbare Wirkung auf neue Konzertbesucher hat, dann bringt das nichts. Deshalb bin ich so froh darüber, dass diese jungen Leute bei dem Konzert in Düsseldorf so ausgelassen waren und sagten, was es für sie bedeutet hat.

Wir müssen verstehen, wie die jüngere Generation – das Publikum des 21. Jahrhunderts – ein Konzerterlebnis definiert. Sie wollen sich austauschen, klatschen, singen, tanzen usw. Und es sind die Besucher, die künftig die Benimmregeln für die Präsentation klassischer Musik definieren werden. Es ist nicht das Orchester, das festlegen wird, wie sein Publikum reagieren sollte. Wenn ein Orchester das von den Besuchern verlangt, werden immer weniger Leute in seine Konzerte gehen. Diese Elfenbeinturm-Mentalität: "Wir dienen ja nicht der Gesellschaft und müssen nicht mit den Leuten reden. Unsere Arbeit ist nur, Musik zu spielen…" beschränkt die Chancen, ein neues Publikum zu entwickeln.

Wahrheit

Leider ist Musik im Verlauf der letzten 250 bis 300 Jahre den Pfaden der Politik und Religion gefolgt. Sogar im 20. Jahrhundert wurde sie für politische Propaganda instrumentalisiert. Ich glaube, heute ist es anders. Musik hat eine humanitäre Botschaft. Sie trägt mehr zu den Dialogen in der Welt bei, auch den politischen. Damit kann sie den Spiegel hochhalten und der Welt die Wahrheit zeigen. Da Politik und Religion leider nicht immer die Wahrheit sagen, sollte die Kunst den Menschen die Wahrheit sagen. Das ist es, was Kunst zur Kunst macht. Dadurch wird die Kunst zu einer Schöpfung für die menschliche Zivilisation: dass wir durch die Kunst die Wahrheit ausdrücken können. Manchmal jenseits der Wahrheit, manchmal ist es Fantasie, surreal. Und gelegentlich drücken wir mit der Kunst eigentlich eine Lüge aus. Aber letzten Endes erwarten wir von der Kunst, dass sie sagt: "Das ist die Integrität. Das ist die Tiefe. Das ist Wahrheit. Das ist, was in unserem Bewusstsein ist. Das ist, was in unserer Seele ist."

Wir wissen, dass es falsch ist, andere Leute zu töten. Wir wissen, dass "alle Menschen werden Brüder" einen Grund und einen Zweck hat. Warum verstehen wir das heute noch? Weil es nicht nur ein Gedanke der Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist, nicht nur das Material eines Dichter aus dem 19. Jahrhundert oder eines Komponisten, der es bearbeitet hat. Vielmehr reflektiert es wirklich Werte, die für die menschliche Zivilisation wesentlich sind. Im Allgemeinen steht Kunst im Einklang mit den Werten, die sie widerspiegelt. Den selben Werten, die ich durch meine Arbeit auszudrücken versuche. Gedanken wie Toleranz, Versöhnung, Akzeptanz, Brüderlichkeit und Wahrheit usw., die uns immer und immer wieder in der Musik begegnen.

In der Musik reden wir auch immer über ihre Integrität, ihre Tiefe, ihren Ernst. Es geht also nur darum, wie ernst Musiker und ihr Publikum das nehmen, was sie machen. Man kann nicht sagen, dass klassische Musik ernst ist und andere Musik nicht. Manche Leute sagen das irrtümlicherweise. Wenn man die Band "Metallica" fragt, ob sie ihre Musik ernst meinen, ist die Antwort: "Oh, ja!" Und ihre Fans sagen: "Das sind die klassischen Musiker des Heavy Metal." Die meinen es sehr ernst! Oder wenn man Jay-Z fragt, ob er es mit seinem Rap ernst meint – natürlich tut er es! Man kann also nicht sagen, was ernst ist und was nicht. Denn das ist eine subjektive Einschätzung. Aber man kann sagen, dass die Künstler versuchen, die Wahrheit auszudrücken. Sie versuchen wirklich die Werte von Integrität, von Tiefe, sogar von Menschlichkeit, hochzuhalten. Vor Subjekten, die größer sind als wir selbst.

Denn Politiker haben sich schon immer größer gemacht als die Wahrheit, ebenso die Religionen. Aber Kunst hat meiner Meinung nach die Verantwortung, sich vor der Wahrheit zu demütigen und zu sagen: "Hier sind wir, und dies ist die Wahrheit." Vielleicht wäre es nicht zur Grenzöffnung 1989 in Berlin gekommen, wenn die Wahrheit nicht mit Graffitis an die Mauer gesprüht worden wäre. Vielleicht hätte es kein 1945 gegeben, wenn die Wahrheit über die Konzentrationslager nicht gesagt worden wäre. Vielleicht wären es nicht zum Tod von Stalin gekommen, wenn die Wahrheit nicht durch die Musik von Schostakowitsch gesagt worden wäre. Vielleicht wäre all das nicht passiert. Aber vielleicht wären wir auch auf eine andere Weise dort hingekommen.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Ich denke, heute ist die Welt nicht viel anders als vor hundert Jahren im Hinblick auf Kriege, Konflikte, Kompromisse oder Terror. Man kann sogar bis in die Zeit der Medici und der Borgia in Florenz zurückgehen. Da gab es Terror und Gewalt, Krieg und Hungersnot und Pest. Aber es gab auch die Renaissance. Und die Renaissance von Michelangelo und Leonardo kam auf, weil Lorenzo de Medici – verzweifelt über all den Krieg und Terror auf der Welt – sagte: "Als König, als Herrscher, als Patron werde ich die Wahrheit unterstützen. Selbst wenn ich größer bin und Michelangelo und Leonardo mir dienen, stellt ihre Kunst doch die Wahrheit dar." Und so entstand die Renaissance. In Deutschland haben wir die Kunst und Literatur und Musik des 19. Jahrhundert wegen Karl August von Weimar. Wir haben die Kultur der Griechen dank Pericles. Wir haben die Song-Dynastie in China, die eines der goldenen Zeitalter chinesischer Kreativität war. Wenn die Patrone, die Politiker sagten: "Wir sind selbst nicht so gut darin, die Wahrheit zu sagen, deshalb fördern wir Künstler, die die Wahrheit sagen", dann entstanden meist wichtige Momente in der Geschichte, die die menschliche Zivilisation definieren. Ich glaube, wir müssen wieder zu den Zeiten zurückkehren, wo die Künstler etwas zu sagen hatten und die Menschen dem wirklich zuhörten.

Die Wahrheit in der Kunst ist ein sehr wichtiger Gedanke. Daniel Barenboim sagt es ganz klar: "Politik macht Kompromisse. – Musik sollte nie Kompromisse eingehen!" Und ich finde, da hat er recht. Denn wir werden immer nach Qualität und Perfektion beurteilt. Leonard Bernstein sagte: "Wenn man einen falschen Ton spielt – das ist menschlich! Menschen machen Fehler." Aber wenn wir das Temperament und den Charakter eines Musikstücks verfehlen, dann sagen wir nicht die Wahrheit. Denn das waren die Intentionen des Komponisten. Und das müssen wir herausfinden: Was war die Absicht des Komponisten? Was ist das Temperament des Stücks? Was ist die Wahrheit?

Manche Leute sehen Musik nicht gern. Aber mein Lehrer Leonard Bernstein hielt es für genauso wichtig, Musik zu sehen, wie sie zu hören. Im Konzert sind wir darstellende Künstler. Wir brauchen die Zuschauer. Wenn die Leute mit geschlossenen Augen dasitzen, warum sind sie in der Konzerthalle? Dann können sie auch einfach eine CD anhören. Deshalb wollen wir dem Publikum diesen kreativen Moment geben, vom Anfang bis zum Ende. Und was dazwischen passiert, ist ein Prozess der Zeit. Wir werden von Mathematik und Zeit regiert. Aber wir sind eigentlich außerhalb Zeit, wir sind in der Gegenwart. Mit jeder Note, die wir spielen, sind wir im gegenwärtigen Moment. Deshalb kann ich die 9. Symphonie von Mahler dirigieren und am Ende, 90 Minuten später, denke ich: "Ist es vorbei? Jetzt schon?" Wir sind nur im gegenwärtigen Moment, während alles fließt. Und die Zeit vergeht wie …

John Axelrod (Foto: © Marc Roger/ONPL)

www.johnaxelrod.com

2011 kann man John Axelrod noch zweimal in Deutschland erleben:

am 8. April um 19:30 Uhr in Dresden (Kulturpalast)
Dresdner Philharmoniker
Außerordentliches Konzert zum Start einer Osteuropa-Tournee
http://www.dresdnerphilharmonie.de/

am 21. August um 19:00 Uhr in Lübeck (Musik- und Kongresshalle)
Schleswig-Holstein Festival Orchester
Schlagzeug-Marathon mit Martin Grubinger
www.shmf.de

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