Katharina Wagners düsterer "Tristan" in Bayreuth gefeiert

25. Juli 2015 - 23:57 Uhr

Bayreuth – Die Oper "Tristan und Isolde" in der Regie von Festival-Chefin Katharina Wagner ist am Samstagabend bei den Bayreuther Festspielen gefeiert worden. Dem Publikum gefiel eine überzeugende, überaus düstere Interpretation der großen Liebesoper. Nach den "Meistersingern" 2007 hat die Wagner-Urenkelin eine fulminante zweite Regie-Arbeit in Bayreuth hingelegt. Ob sie selbst erleichtert war, konnte man nach der Premiere nicht sehen. Nur wenige Sekunden zeigte sie sich mit ihrem Regie-Team auf der Bühne. Ihr Gesicht ist von ihrer langen Mähne verdeckt, die herumwirbelt, als sie sich vor dem Publikum verbeugt.

In ihrer Neuinszenierung lässt Katharina Wagner das tragische Liebespaar ausweglos umherirren in einem dunklen Treppenhaus, in dem die Treppen abbrechen und ins Leere führen, sobald Tristan und Isolde sich ihnen nähern. Den roten Liebestrank verschütten sie. Ihr Niedergang durch Liebe ist also selbst gewählt.

In einer Art pervertierter, schwarzer Kletterhalle, die die Kulisse des zweiten Aktes bildet und durch erbarmungslose Suchscheinwerfer zum Hochsicherheitstrakt wird, brechen die Kletterhaken ab, sobald sie berührt werden. Die romantische Zusammenkunft des Paares wird damit sogleich überschattet vom unvermeidlich tragischen Ausgang. Jedem Anfang wohnt ein Ende inne. Bei "Tristan und Isolde" ist es das denkbar schwärzeste. Keine Hoffnung, kein Ausweg für die Liebe.

Ihre Liebe wird stattdessen auf der Bühne zum Käfig, an dessen Gitterstäben sie sich lustvoll verletzen – die einzige, schmerzhafte Freude, die ihnen vergönnt ist. Der einzige Ausweg, der sich ihnen bietet, ist das Licht am Ende des Tunnels, das durch eine beeindruckende Videoprojektion gezeigt wird. Es ist das Bild, das bekannt ist vom Festspiel-Poster, das in diesen Tagen in Bayreuth aushängt.

Selbst dieses angedeutete gemeinsame Ende, den großen Liebestod, gönnt Katharina Wagner den Beiden nicht. Tristan stirbt nach einem alptraumhaften Fieberwahn, in dem Isolde ihm immer wieder in den denkbar furchtbarsten Gestalten erscheint: ohne Gesicht, ohne Kopf, blutüberströmt. Doch Isolde lässt sich von König Marke, den Regisseurin Wagner zum unzweifelhaft Bösen in der Geschichte macht, an die Hand nehmen und verschwindet am Schluss mit ihm in die Dunkelheit.

Ganz ohne Buh-Rufe für die Regie geht die Premiere zu Ende. Davon muss sich aber überraschenderweise der neue Musikdirektor Christian Thielemann einige wenige anhören – ebenso wie die kurzfristig für Anja Kampe als Isolde eingesprungene Evelyn Herlitzius.

Möglich, dass bei Thielemann die Gerüchte um ein Hausverbot von Eva Wagner-Pasquier eine Rolle spielen – auch wenn er die entschieden zurückgewiesen hat. An seiner musikalischen Interpretation des Stoffes kann es zumindest kaum liegen, was im Übrigen auch für Herlitzius gilt. Thielemann nimmt die Gewalt der Musik vor allem in Akt zwei streckenweise überraschend zurück, lässt dem Geschehen und der Melancholie, die sich breit und dann der großen Verzweiflung Platz macht, Raum.

Stephen Gould tut es ihm als Tristan gleich – sanft und zart singt er sein Liebesleid in die Welt, bevor der Fieberwahn im dritten Akt zuschlägt. Für seine Leistung wird er – ebenso wie Georg Zeppenfeld als König Marke und Christa Mayer als Brangäne – ausnahmslos gefeiert.

Der Druck sei unnatürlich groß gewesen, hatte Katharina Wagner vor der Premiere gesagt. Nicht weniger als die Zukunft der Wagner-Festspiele wurde davon abhängig gemacht. Wenn das stimmt, dürfte Bayreuth gute Jahre vor sich haben.

(Von Britta Schultejans, dpa/MH)

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