"Ein Tag ohne Musik ist ein verlorener" – Tenor Peter Schreier wird 80 Jahre

29. Juli 2015 - 08:15 Uhr

Dresden – Er hat auf den Bühnen der großen Opern- und Konzerthäuser der Welt gesungen, auch dirigiert. Vor zehn Jahren beendete Peter Schreier seine Sängerkarriere. Hinter ihm liegt eine erfüllte Karriere, er vermisst nichts. "Ich bin zufrieden mit meinem Leben und genieße den Ruhestand", sagt Schreier. Am (heutigen) Dienstag feiert der langjährige Dresdner Kammersänger seinen 80. Geburtstag.

Peter Schreier

Peter Schreier

Vereinzelt gibt Schreier aber noch Meisterkurse. Den Taktstock wird er bald aus der Hand legen und das Dirigieren langsam auslaufen lassen. "Es strengt mich zu sehr an", sagt der von Rückenproblemen Geplagte, der mit drei Bypässen lebt. Nach zwei Konzerten mit der Dresdner Philharmonie und der Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium im Leipziger Gewandhaus soll auch am Pult Schluss sein. "Ich muss Rücksicht nehmen auf meinen Körper." Den Abschied auf Raten hat der einst weltweit gefragte Künstler lange geplant.

Im Juni 2000 trat er als Tamino in Mozarts "Zauberflöte" – seiner vielleicht wichtigsten Partie – in Berlin von der Opernbühne ab. Mit 70 dann gab er die Lieder und Oratorien auf. "Ich vermisse nichts, habe mich schnell an den Ruhestand gewöhnt." Trotzdem ist die Musik präsent. "Musik ist mein Lebenselixier und ein Tag ohne Musik ein verlorener Tag." Er lasse sich von ihr mitreißen und gehe darin auf. Oft lauscht er den Berliner Philharmonikern: "Ich hab' eine App und kann jedes Konzert im TV sehen."

Der 1935 in Meißen geborene lyrische Tenor wuchs in einem Dorf in der Nähe auf: "Bei uns zu Hause wurde zweimal pro Woche musiziert", sein Vater war Kantor und Lehrer. Mit acht Jahren kam Peter Schreier auf dessen Betreiben zum Dresdner Kreuzchor. "Diese Zeit hat mich musikalisch und persönlich geprägt", sagt Schreier. Dort bekam er das Rüstzeug für den beruflichen Erfolg, lernte Ehrgeiz, Disziplin, Unterordnung und Kameradschaft. "Das ist sehr wichtig, weil man in der Musik ja auch auf Andere hören soll."

Star ohne Allüren

Die künstlerischen Möglichkeiten und die sehr gute Ausbildung in der DDR waren Basis einer Laufbahn, "die nur im Weltmaßstab Sinn machte". Das, was er wollte, war ohne Einschränkungen möglich, sagt Schreier. "Es kam für mich nie infrage, im Westen zu bleiben, obwohl es Angebote gab." Der Musiker ist in der Heimat verwurzelt. "Mir würde etwas fehlen, wenn ich nicht in Dresden leben könnte." Hier studierte er 1956 bis 1959 Gesang und Dirigieren und stand im Abschlussjahr erstmals auf der Opernbühne – als 1. Gefangener in Beethovens "Fidelio".

Peter Schreier 1987

Peter Schreier 1987

Den Durchbruch schaffte er 1962 als Belmonte in Mozarts "Die Entführung aus dem Serail". Danach gastierte er von New York bis Mailand auf den wichtigsten Opernbühnen der Welt, wurde international mit Auszeichnungen bedacht. Mehr als 60 Partien hat der Star ohne Star-Allüren verkörpert, war bei den Salzburger Festspielen engagiert und der wichtigste DDR-Exportschlager auf sängerischem Gebiet – bei hochkarätiger Konkurrenz. Er genoss Privilegien und das ohne SED-Parteibuch.

1972 dann war er an der Staatsoper Berlin von ehemaligen Kommilitonen gefragt worden, ob er nicht mal den Taktstock führen wolle. Für eine große Dirigentenkarriere nach der Sänger-Laufbahn aber hatte der Vater zweier Söhne keine Ambitionen, obwohl auch in diesem Metier gefragt: Er stand bei den Wiener Philharmonikern ebenso am Pult wie beim New York Philharmonic Orchestra.

Schreiers Anker aber lag immer in Dresden, wo sich das Landkind am Elbhang ein kleines Paradies schuf. Der Ruhestand brachte Zeit für die Leidenschaften jenseits der Musik: Lesen, Kochen, Garten und Natur. An seinem Landhaus mit Wald im Osterzgebirges fällt er auch schon mal Bäume, in Dresden sind Runden im überdachten Swimmingpool zwischen Mai und Oktober Pflicht. Auch die inzwischen sieben Enkel halten ihn auf Trab.

Schließlich harrt auch seine CD- und Plattensammlung – Klassik und Jazz – noch immer darauf, geordnet zu werden. Gerade ist die letzte Aufnahme von Schuberts "Winterreise" mit Streichquartett-Begleitung herausgekommen. "Die habe ich mit 70 gemacht." Seit dem Abtritt von der Konzertbühne 2005 singt der Ex-Kruzianer nicht mal mehr im Bad. "Bei Tenören ist der Verschleiß der Stimme extrem hoch", erklärt er. "Und es fehlt mir absolut nicht."

(Von Simona Block, dpa/MH)

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