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Jung und inspiriert: Die "Sommerlichen" und ihre Akademie

11. August 2015 - 15:25 Uhr

Von Moritz Ter-Nedden (26), Geiger, Teilnehmer der Festival-Akademie der Sommerlichen Musiktage Hitzacker 2015

Vor Mücken bin ich gewarnt worden, schlimmste Befürchtungen haben sich aber dank der kühlen Temperaturen nicht erfüllt und ich konnte mich ganz auf das konzentrieren, wozu wir alle angereist sind: Musik machen, Seminare besuchen und die Luft eines Kammermusikfestivals atmen.

Moritz Ter-Nedden

Moritz Ter-Nedden

Als Geiger meines Streichquartetts, dem Daphnis Quartett, war ich Teilnehmer der diesjährigen Festival-Akademie, einer Kooperation des Festivals und zweier Musikhochschulen, Hannover und Leipzig, und des Vereins Yehudi Menuhin "Live Music Now". Dieser ermöglicht Konzerte junger Musiker in sozialen Einrichtungen wie Pflegeheimen oder Gefängnissen und macht dadurch Menschen "live" Musik zugänglich, die den Weg ins Konzert nicht ohne Weiteres gehen können.

Vormittags standen für alle sieben Ensembles der Akademie Seminare auf dem Programm, die einen Ausblick auf das Musikbusiness boten und alle wichtigen Bereiche des Berufsfeldes freischaffender Musiker abdeckten. Hier gab es wirklich viel mitzunehmen, da die Dozentinnen absolut erstklassig waren: von Irene Schwalb, die als Quartettbratscherin und Leiterin einer Agentur die denkbar beste Adresse ist, um zu verstehen, worauf es im Geschäft ankommt; über Martina Kurth, die uns enorm half, unser Künstlerportfolio zu definieren und einen Marktüberblick lieferte; über Maria Pallasch, die uns kurzweilig in die Untiefen des Steuerrechts entführte; und nicht zuletzt Carolin Widmann, die ihre ganz persönlichen Erfahrungen auf ihrem Karriereweg schilderte.

Nachmittags wurde dann geprobt, geübt und in den sozialen Einrichtungen in und um Hitzacker herum musiziert. Jeden Tag hatten ein bis zwei Ensembles der Akademie einen Auftritt in einem Heim.

Dazu kamen die Pre-Concerts: Halbstündige Konzerte, die kurz vor den Kammerkonzerten am Abend stattfanden, in unserem Fall vor dem Brahms-Abend von Christian Tetzlaff und Lars Voigt. Unser Pre-Concert war glücklicherweise ziemlich überlaufen, die Leute mussten zum Teil stehen oder sich auf dem Boden niederlassen. Man merkt richtig, wie hungrig die Leute nach Musik sind, die nach Hitzacker kommen, viele reisen weit, um die Sommerlichen Musiktage zu hören.

Diesen Enthusiasmus konnte wir natürlich nicht nur in den Pre-Concerts spüren, sondern auch während der Kammerkonzerte am Abend, den "main acts" des Festivals, zu denen wir als Akademisten freien Zutritt hatten. Besonders hierbei war die familiäre Atmosphäre, die unter allen im Backstagebereich herrschte. Die Künstler und das Festival-Team bewegen sich hier ungezwungen: Eine Zigarette mit Carolin Widmann, ein Handshake mit Christian Tetzlaff oder ein Bier nach dem Konzert mit dem jungen vision string quartet gehören dazu.

Ein Konzert gestalteten alle Akademisten am vorletzten Tag gemeinsam in der Werkshalle von Nya Nordiska, einer Textilfirma in Dannenberg. Hier konnten sich die Ensembles noch einmal gegenseitig zuhören und musikalisch austoben, wobei den Abschluss eine Piazzolla-Komposition bildete, die Nils und Nemanja virtuos am Abend vorher bei einer Flasche Wein in eine Version für alle Musiker der Akademie umschrieben. Hierbei störte keineswegs, dass drei Pianisten sich eine Klaviatur teilen mussten und zwei Sänger die Rhythmusgruppe übernahmen.

Einziger Wermutstropfen blieb der Ausfall der freien Tanzimprovisation unserer wunderbaren Akademieleiterin Franziska Rademacher, die uns zum kurzfristigen Einstudieren des Gruppenprojektes überredet hatte; wir nahmen es ihr nicht übel, da wir dank ihr und des sehr sympathischen Teams exzellent betreut wurden und nebenbei, wie man vielleicht schon lesen konnte, eine Menge Spaß hatten.

Am nächsten und letzten Tag wurde das 70-jährige Jubiläum der Musiktage gefeiert. Ich durfte noch einmal für einen Kurzauftritt Bartók-Violin-Duos mit Niklas Liepe auf dem Hitzackerschen Marktplatz spielen – ein großer Spaß – woraufhin wir uns noch den Rest des Tagesprogramms samt des Konzerts des Solistenensembles Kaleidoskop und der feierlichen Staffelübergabe der künstlerischen Leitung von Carolin Widmann an Oliver Wille anschauten.

Mit bewegenden und ausblickreichen Reden, sowie wunderbarer Musik ging somit das diesjährige Festival zu Ende und für mich eine aufregende und bereichernde Zeit in Hitzacker.

Das älteste Kammermusikfestival Deutschlands präsentierte sich mir jung und inspiriert, und ich bin froh über die vielen wunderbaren Menschen, die ich hier kennenlernen durfte.

(Moritz Ter-Nedden ist 1. Geiger beim Daphnis Quartett und Student an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.)

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Link:

http://www.musiktage-hitzacker.de

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