Dirigent Seiji Ozawa wird 80 Jahre alt – "Kinder hören ganz intensiv zu"

01. September 2015 - 08:00 Uhr

Tokio – Wenn Seiji Ozawa vor ein ausländisches Orchester tritt, dann spricht er mit seinen Augen. "Ich bin nicht gut in Fremdsprachen. Wenn ich ausländische Orchester dirigiere, habe ich gar keine andere Wahl", antwortete der japanische Stardirigent unlängst auf eine Frage einer heimischen Tageszeitung nach der Kraft seiner Augen, die Musiker wie Fans bewundern. Doch es ist seine ganze Erscheinung, die unglaubliche Energie ausstrahlt. Nicht umsonst wird der kleine, drahtige Japaner mit den vielen Lachfalten oft als "Energiebündel" oder auch als der "Hunderttausend-Volt-Dirigent" beschrieben.

Seiji Ozawa

Seiji Ozawa

Ozawa will auch zu seinem 80. Geburtstag am (heutigen) Dienstag wieder am Pult stehen und sein eigenes Geburtstagskonzert dirigieren. Und das, obwohl er erst vor einem Monat einen Knochenbruch erlitt und drei Wochen pausieren musste. Seit Jahren plagen den großen Dirigenten gesundheitliche Probleme. Nachdem 2010 bei ihm Speiseröhrenkrebs festgestellt worden war, gab er seinen Posten des Musikdirektors der Wiener Staatsoper auf und zog sich aus dem Konzertbetrieb zurück. Doch schon 2013 kehrte er ans Pult zurück.

Diese Kraft und Zähigkeit bewies Ozawa schon in den 1960er Jahren, als er sich als Japaner im klassischen Musikbetrieb durchzusetzen wusste. Geboren 1935 in Hoten in der damals japanisch besetzten Mandschurei, kam Ozawa schon früh mit verschiedenen Kulturen und Einflüssen in Berührung. Sein Vater, ein Zahnarzt, war Buddhist, seine Mutter Christin. Sie war es, die ihren Sohn mit westlicher Musik vertraut machte. Als die Familie nach dem Krieg nach Tokio zog, erhielt Ozawa seinen ersten Klavierunterricht. Ein Sportunfall, bei dem er sich vier Finger brach, setzte seinem Traum von einer Pianisten-Laufbahn jedoch ein jähes Ende.

Der begabte Musiker sattelte auf Komposition und Dirigieren um und wurde schon bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im Alter von 24 Jahren mit dem Japan Philharmonic Orchestra als großes Talent gefeiert. Der Erste Preis beim Internationalen Dirigentenwettbewerb 1959 in Besançon wurde zum Sprungbrett in den klassischen Musikbetrieb, auch wenn sich Ozawa noch lange gegen das Vorurteil behaupten musste, als Japaner könne er die europäischen Klassiker "nur gelernt" haben und sie nie "mit der Seele begreifen".

In Tanglewood, der berühmten Sommer-Akademie für Nachwuchsmusiker im US-Bundesstaat Massachusetts, gewann der aufstrebende Maestro auf Anhieb den Kussewizki-Wettbewerb. Er arbeitete als Assistent bei Leonard Bernstein in New York, in Berlin nahm ihn Herbert von Karajan unter seine Fittiche. In rascher Folge wurde er Orchesterchef in Chicago, Toronto und San Francisco.

1970 übernahm er mit Gunther Schuller die Leitung des Tanglewood- Festivals, das er über Jahrzehnte prägte und das ihm 1994 die "Ozawa-Halle" widmete. In seiner japanischen Heimat gründete der Maestro 1992 das "Saito Kinen Festival", das in diesem Jahr in "Seiji Ozawa Matsumoto Festival" umbenannt wurde.

Der beliebte, immer wieder überraschende Konzertleiter dirigierte Jahrzehnte lang nur wenige Opern, dann aber mit großem Erfolg. Als Leiter des Boston Symphony Orchestra von 1973 bis 2002 setzte Ozawa Maßstäbe. Sein breites Repertoire begeisterte ebenso wie die klangliche Brillanz, die er mit dem Orchester erreichte. Als Musikdirektor der Wiener Staatsoper widmete er sich dann vor allem seiner lange heimlich gehegten Liebe Oper und stellte erneut seine breite Kennerschaft von Mozart bis Krenek unter Beweis.

Der Bariton Paolo Gavanelli lobte den Pultmeister einmal: "Ozawa ist nicht nur ein Musikgenie, sondern auch menschlich eine einmalige Erscheinung. Mit ihm zu musizieren, bedeutet Glück." Dieses Glück teilt der Japaner auch besonders gern mit Kindern. Schon in Wien vermochte Ozawa die Kleinen mit seiner musikalischen Energie anzustecken.

"Als ich in Boston war, lebte ich fern von meinen Kindern. Vielleicht hänge ich seitdem an Kindern", vertraute er der Zeitung "Asahi Shimbun" Anfang dieses Jahres an. Noch heute veranstaltet er jedes Jahr in seiner Heimat ein Konzert extra für Kinder. "Sie hören ganz intensiv zu. Aber wenn es langweilig ist, dann schießen sie mit Gummibändern auf uns", sagte er. "Daher haben wir uns immer gesagt: Wir müssen unser Bestes geben, sonst kriegen wir Gummibänder ab."

(Von Lars Nicolaysen, dpa)

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Links:

http://www.ozawa-festival.com
http://www.ozawa-academy.ch

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