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Ruhrtriennale: Simons bringt "Das Rheingold" ganz nah ans Publikum

13. September 2015 - 14:39 Uhr

Bochum – Bei den Bayreuther Festspielen ist der Gipfel der Begeisterung erreicht, wenn das Klatschen des Publikums von donnerndem Getrampel übertönt wird. Und solche Bayreuther Verhältnisse herrschten am Samstagabend auch bei der Premiere von Wagners "Rheingold", das Intendant Johan Simons in der Bochumer Jahrhunderthalle für die Ruhrtriennale inszeniert hat. Denn rasch mündete der einhellige Jubel in Trampeln und Standing Ovations. Simons war es gelungen, den schweren Stoff ganz nah an das Publikum heranzubringen – in jeder Hinsicht.

Das Rheingold

Das Rheingold

Wie schon bei "Accattone", seiner Auftakt-Inszenierung als neuer Intendant des Festivals, räumt Simons beim "Rheingold" dem Orchester eine zentrale Position ein: Kein Orchestergraben verdeckt das mit mehr als 100 Musikern besetzte Ensemble MusicAeterna. Es nimmt auf der erhöhten Bühne die ganze Breite des Raums ein und wird in den Gängen zwischen den Orchesterfraktionen selbst zum Spielort und sogar zum Akteur.

Zentrale Spielstätte ist der ebene Boden der Jahrhunderthalle vor dem Riesen-Orchester, auf dem eine geborstene Stuckdecke auf dem Kopf steht. Wasser hat sich zwischen dem Stuckgeröll angestaut. Doch der Rhein hat Niedrigwasser, Alberich und Mime waten, robben und kriechen darin herum. Dieser schrundige Spielort grenzt direkt an die steil aufragende Zuschauertribüne und ermöglicht den Darstellern eine maximale Nähe zum Publikum.

Johan Simons bespielt den ganzen Raum, auch die Baugerüste, an denen die Konstruktion aufgehängt ist. Der Regisseur begreift den frühen Wagner als Revolutionär, der in "Rheingold" seine Marx-Lektüre verarbeitet und mit dem Vorabend zum "Ring" bereits eine radikale Version der Kapitalismus-Kritik formuliert.

Und um Wagner noch zu überbieten, bricht Simons die Partitur mehrfach auf: Der finnische Klangkünstler Mika Vainio hat elektronische Zutaten komponiert, die bereits das Foyer beschallen und an zwei markanten Stellen Wagners Partitur unterbrechen. Nach Alberichs Fluch entladen sich explosionsartige Klangkaskaden, und in der Nibelheim-Szene setzt sich Wagners originales Hämmern noch minutenlang in der Halle fort.

Außerdem erfindet Simons eine männliche Figur hinzu, die als stummer Diener allgegenwärtig ist, und grundiert von Vainios Klängen einen zornigen Jelinek-Monolog zum Besten gibt.

Teresa Verghos Kostüme verweisen etwas vage auf eine Zeit zwischen dem mittleren 20. Jahrhundert und der Gegenwart. Die Nähe zum Publikum und Simons stets in Bewegung bleibende Regie erzählen die häufig als langatmig empfundene "Rheingold"-Handlung flüssig und spannend.

Der eigentliche Motor des Abends aber ist das Orchester MusicAeterna unter Teodor Currentzis: Mittlerweile legendär ist Currentzis' Ruf als radikaler Querdenker und Probenfanatiker, und tatsächlich klingt vieles ungewöhnlich transparent, manches dagegen nie gehört brachial. An zwei Stellen lässt Currentzis die Musiker sogar aufstehen, was die klanglichen Schockwellen noch zusätzlich verstärkt.

Die Sänger sind insgesamt famos, an der Spitze der noch sehr junge Mika Kares als müheloser Wotan, herausragend auch Leigh Melrose als Alberich, Peter Bronders Loge und Jane Henschels ungewöhnlich zart timbrierte Erda. Insgesamt ein starker Abend.

(Von Constanze Schmidt, dpa/MH)

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