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Dirigent Gergijew tritt bei Münchner Philharmonikern an – Aufbruch in neue Ära?

17. September 2015 - 08:15 Uhr

München – Mit dem Einstandskonzert von Waleri Gergijew als neuer Chefdirigent beginnt für die Münchner Philharmoniker am (heutigen) Donnerstag eine neue Zeitrechnung. Mehr als ein Jahr lang war das Orchester der bayerischen Landeshauptstadt ohne festen Chef, nachdem Lorin Maazel, der nach dem Krach mit Christian Thielemann die Leitung übernommen hatte, im Juli 2014 überraschend gestorben war. Jetzt soll der vielbeschäftigte russische Maestro und Putin-Freund das ein wenig verblasste Renommee der Philharmoniker wieder auf Vordermann bringen.

Waleri Gergijew

Waleri Gergijew

Gergijew eilt der Ruf voraus, wenig zu proben und oft erst im letzten Moment von irgendwo auf der Welt zu seinen Auftritten einzuschweben. Es scheint, als wolle er gleich zu Beginn dieses wenig schmeichelhafte Bild korrigieren. In seiner ersten Münchner Saison leitet er allein zwölf Konzertprogramme. Schon in den ersten zehn Tagen steht er in sechs Konzerten mit drei unterschiedlichen Programmen am Pult seines neuen Orchesters. Darunter Schwergewichte der deutsch-österreichischen und russischen Symphonik: Mahlers zweite Symphonie ("Auferstehungssymphonie") zum Auftakt, dann Bruckners Vierte ("Romantische") und Tschaikowskys Sechste ("Pathétique").

Danach wird man einen ersten Eindruck haben, ob die Chemie zwischen dem Orchester und dem neuen Chef stimmt. Und ob es eine richtige Entscheidung war, wieder auf einen Altstar zu setzen und nicht auf einen möglicherweisen vielversprechenden Newcomer, wie es gerade die Bamberger Symphoniker mit ihrem neuen Chef Jakub Hrusa vorgemacht haben. Dass Gergijew beileibe nicht nur internationale Routine abliefern, sondern tiefschürfende, ergreifende Musik machen kann, hat er 2012 in München mit seinem umjubelten Schostakowitsch-Zyklus unter Beweis gestellt.

Die Aufregung um Gergijews Unterstützung von Putins Krim-Annexion hat sich derweil längst gelegt. Im März 2014 war bekanntgeworden, dass der weltberühmte Künstler und langjährige Chef des St. Petersburger Mariinsky-Theaters einen öffentlichen Appell unterschrieben hatte, in dem zahlreiche russische Kulturschaffende die Ukraine-Politik ihres Präsidenten gut hießen. In den Medien und im Münchner Stadtrat wurden Stimmen laut, die fragten, ob Gergijew noch der richtige Mann für die Spitze der Münchner Philharmoniker sei. Doch diese Kritik ist in dem Maße verstummt, wie der Ukraine-Konflikt in der öffentlichen Debatte in den Hintergrund getreten ist.

Wenn der Maestro am Donnerstag in der Münchner Philharmonie den Taktstock hebt, dürfte von all dem keine Rede mehr sein. Längst stehen andere Themen wie die Griechenland- und die Flüchtlingskrise im Vordergrund. Mit dem Eröffnungskonzert ihrer neuen Saison wollen die Philharmoniker ein konkretes Zeichen für Flüchtlinge setzen und zu Spenden aufrufen. Im Oktober gibt es erstmals das von Gergijew initiierte Festival "MPHIL 360 Grad". Es soll zeigen, wie eng die deutsche und russische Musikkultur miteinander verbunden ist. Das ist Gergijews Art und Weise, sich um Ausgleich und Völkerverständigung zu bemühen – in der Sprache der Musik.

(Von Georg Etscheit, dpa/MH)

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