Drama pur: Grandiose „Otello“-Premiere am Mainfranken Theater Würzburg

18. Oktober 2015 - 23:39 Uhr

Würzburg (MH) – Giuseppe Verdis „Otello“ entstand 16 Jahre nach seiner „Aida“, die 1871 ihre Uraufführung erlebte. Um diese 16 Jahre ranken sich viele Gerüchte, man spricht davon, dass Verdi unter dem Siegeszug der Opern von Richard Wagners enorm gelitten habe, auf seinem Landgut zurückgezogen lebte und der Musik keine Bedeutung mehr gab. Sicherlich war diese Zeit für Verdi nicht leicht, dennoch kann man nicht sagen, dass er sich von der Musik verabschiedet hatte.

Otello

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Sein Schaffensprozess mit „Otello“ zog sich über sieben Jahre hin, von September 1879 bis November 1886. Zusammen mit seinem Librettisten Arrigo Boito fand eine intensive Zusammenarbeit statt, um dem Werk die dramatische Ausstrahlung zu verleihen, die Wagners Opern auf das Publikum ausübten. Ganz gelungen ist das nicht wirklich, da Richard Wagner es verstanden hat, die tieferen Schichten des menschlichen Daseins in seinen Werken zu beleuchten, wogegen die Figur Otello doch vordergründig in Emotionen verfangen bleibt. Musikalisch gesehen ist sehr viel „Lohengrin“ in Verdis Spätwerk zu finden. Jagos Rachefeldzug erinnert musikalisch an Szenen von Ortrud und Telramund, auch für Desdemona erklingen die silbrig schwingenden Geigen, die für Lohengrin stehen. Am 5. Februar 1887 erlebt die Oper an der Mailänder Scala eine umjubelte Uraufführung. Verdi selbst soll mit dem Werk allerdings nie ganz zufrieden gewesen sein.

Für den GMD des Mainfranken Theaters Würzburg Enrico Calesso war es auch so etwas wie eine „patriotische“ Pflicht diese Oper auf die Bühne zu bringen. In Kooperation mit dem Theater Erfurt, es inszeniert der dortige Intendant Guy Montavon selbst, war am Samstagabend eine überzeugende Premiere zu erleben. Montavon setzt auf eine stringente Personenführung, verpackt das Werk in klare szenische Strukturen und konzentriert sich ganz auf die dramatische Handlung. Das Bühnenbild von Francesco Calcagnini unterstreicht diese Herangehensweise mit stark abstrakten Bühnenbauten, die dennoch aussagestark sind, in einer ausgefeilten Lichtregie von Walter Wiedmaier. Schlüssig und werkkonform der Handlungsrahmen, der in der Mitte des 20. Jahrhunderts angesiedelt ist, Benito Mussolini scheint immer in den Kulissen zu stehen.

Musikalisch glänzt das Philharmonische Orchester Würzburg, unter der souveränen Leitung von Enrico Calesso, mit enorm viel Flexibilität, Nuancenreichtum, farbenreicher Klangpracht und natürlich auch mit dem notwendigen musikalischen Drama; und immer wieder blitzen Erinnerungen an Wagners „Lohengrin“ auf. Das wiederum zeugt von einem hohen Verständnis des Dirigenten die Partitur betreffend.

Gesanglich ist der Abend ebenfalls ein Ereignis. Heldentenor Ray M. Wade jr. besitzt genügend stimmliche Kraft, mit schönem heldischen Glanz, um der Titelfigur Glaubhaftigkeit zu verleihen. Die Zerrissenheit des Außenseiters Otello kann ins Publikum transportiert werden. Wie ein Blatt im Wind bewegt er sich zwischen Liebe und Machtbesessenheit, leicht manipulierbar von seinen Feinden. Sein Widersacher Jago, das ewig Dunkle in sich tragend, wird nicht ganz so überzeugend von Adam King interpretiert, gesanglich kann er sich im Laufe des Abends dann doch steigern. Desdemona, unumstritten die Lichtfigur der Oper, ist für Karen Leiber eine ideale Partie, in der sie all ihre stimmlichen Möglichkeiten überzeugend zeigen kann. Der letzte Akt wird somit zu einem grandiosen Auftritt, jeder Ton, jede Geste hier überzeugend, das lupenrein zart gesungene Ave Maria lässt Tränen im Publikum strömen.

Alle weiteren Sänger agieren auf hohem Niveau, zu benennen hier Barbara Schöller (Emilia), Yong Bae Shin (Cassio), Joshua Whitener (Rodrigo). Auch hervorragend der Chor und Extrachor des Hauses, unter der Leitung von Michael Clark.

Großer Applaus für das gesamte Team belohnt einen intensiven Abend, der das Genre Musiktheater auch als sozialkritisches Medium überzeugend präsentiert.

(Von Midou Grossmann)

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http://www.theaterwuerzburg.de

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