Harry Kupfers "Iwan Sussanin" in Frankfurt ein Fiebertest fürs deutsch-russische Verhältnis

26. Oktober 2015 - 16:11 Uhr

Frankfurt am Main (MH) – "Sieg Heil"-Gesang auf offener Bühne, deutsche Panzer in Warschau, hohe Militärs der Wehrmacht in Sektlaune. Im Frankfurter Opernhaus fliegt der erste Buhruf und damit die Frage durch den Raum: Was hat die russische Nationaloper "Iwan Sussanin" Michail I. Glinkas von 1836 mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun? Weiß doch jedes russische Kind: Der einfache Bauer Sussanin schützte vor 400 Jahren um den Preis des eigenen Lebens den Zaren vor polnischen, nicht vor deutschen Eroberern. Wieso braucht Regiealtmeister Harry Kupfer die Nazis als dunkle Kontrastfolie?

Iwan Sussanin

Iwan Sussanin

Der Spezialist für slawisches Musiktheater liebt die monumentale Musik des Iwan Sussanin seit seiner Jugend in der DDR. Und er liebt die vermeintlich klare Botschaft: ein einfacher, alter Mann aus dem Volk gibt sein Leben hin, um das Vaterland zu retten. Leider auch eine Story, die sich nationalistisch missbrauchen lässt. Bis zur Oktoberrevolution musste Glinkas Oper "Ein Leben für den Zaren" heißen, unter Stalin schrieb man sie um und nannte sie wieder "Iwan Sussanin".

Kupfer verwarf beide Versionen und erstellte mit Dramaturg Norbert Abels eine komplett neue Fassung. Aus zarentreuen Russen werden jetzt moralisch einwandfreie Partisanen, aus Polen deutsche Invasoren, nur Iwan Sussanin bleibt ein edler Märtyrer. Aber ist er das wirklich?

Was tatsächlich aufstößt an dieser erstmals in Frankfurt gezeigten Oper ist ihr triefender Patriotismus. "Mein Leben für Russland" und "ich sterbe fürs heilige Vaterland" tönt Sussanin immer wieder von der Bühne, dazu zeigt Hans Schavernoch die Anbetung von Ikonen, zerstörte Kirchenglocken und die Ruine einer zerbombten Kirche: In Zeiten von Putins munteren Muskelspielen provozieren diese unhinterfragten Zeichen orthodoxer Frömmigkeit ebenso wie das naive Blut-und-Boden-Hurra. Ob gewollt oder nicht: Dieser "Iwan Sussanin" ist ein Fiebertest fürs aktuelle, deutsch-russische Verhältnis.

Dabei steht die musikalische Schönheit des Werks außer Frage. In den einmalig wuchtigen Oratoriumsklang hat Glinka lyrische Soloarien von herzzerreißender Innigkeit gebettet. Ganze Arbeit hat auch Tilman Michael geleistet: Seine über 100 Choristen singen russisch als wäre es ihre Muttersprache und meistern alle rhythmischen Raffinessen mit Bravour.

Basslegende John Tomlinson in der Titelpartie stirbt trotz seiner 69 Jahre einen unvergesslichen Märtyrertod im Schneetreiben, auch Katharina Magiera singt mit ihrem ebenso kräftigen wie naturschönen Alt die Hosenrolle des Waisenjungen Wanja zum Niederknien. Ganz zu schweigen von Kateryna Kasper als Iwans Tochter Antonida und Anton Rositskiy in der Rolle Sobinins.

Dem Orchestergraben entströmt unter Sebastian Weigle ein wachsam durchdachter Glinka, der patriotisches Auftrumpfen sorgsam vermeidet. Nur im schrecklichen Schlusschor auf dem Roten Platz, bei der ein genialer "Kupfermoment" die Rote Armee triumphieren und die Angehörigen Sussanins erbleichen lässt, forciert er brüllende Lautstärke bis zur Beklommenheit.

(Von Bettina Boyens)

Mehr zu diesem Thema:

Glinkas "Iwan Sussanin" als Frankfurter Erstaufführung
(25.10.2015 – 09:00 Uhr)

Link:

http://www.oper-frankfurt.de

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