Regisseur Kirill Serebrennikow: "Nicht die eigene Kultur verlieren"

22. November 2015 - 09:30 Uhr

Stuttgart – Kirill Serebrennikow zählt zu den angesagtesten Regisseuren und Künstlern Russlands. In Moskau betreibt er das Gogol-Kultur- und Theaterzentrum der Stadt. Mit Richard Strauss' "Salome" gibt der 46-Jährige nun sein Debüt an der Staatsoper in Stuttgart. Serebrennikow inszeniert das Stück in einer von Wohlstand verwöhnten westlichen Welt, in der auch der Islam zunehmend stärker wird. Dabei spart er nicht mit Gewaltexzessen.

Kirill Serebrennikow

Kirill Serebrennikow

"Es handelt vom globalen Einander-Nicht-Verstehen, von globaler Taubheit, davon, dass wir einander nicht zuhören", sagt der russische Kultregisseur im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Die Idee, die Oper von Richard Strauss in einem muslimischen Kontext anzusiedeln, sei schon vor gut einem Jahr entstanden. Premiere ist am (heutigen) Sonntag.

Frage: Sie bringen die Oper im heutigen Konfliktfeld zwischen westlichem Lebenswandel und islamischer Gewalt auf die Bühne. Worauf müssen wir uns einstellen?

Antwort: Das Konzept steht so schon seit mehr als einem Jahr. Es ist keine Reaktion auf die Ereignisse in Paris oder auf den jüngsten Bombenanschlag auf ein russisches Flugzeug. Das geht auch nicht in der Kürze der Zeit. Es ist ein Gedankenspiel. Es handelt vom globalen Einander-Nicht-Verstehen, von globaler Taubheit, davon, dass wir einander nicht zuhören. Die Familie von Salome bekommt nicht mit, wie rasch sich die Welt verändert.

Frage: Wie erleben Sie selbst diese Veränderungen heute, auch die Situation mit den Flüchtlingen?

Antwort: Es macht mir Sorgen. Wir haben heute globale Ungerechtigkeiten, Zivilisationen prallen aufeinander, die einander in der nächsten Zeit nicht verstehen werden. Aber auch die Migrationspolitik sollte aufhören, naiv zu sein. Ich bin natürlich dafür, den Menschen zu helfen, die leiden. Aber wichtig ist, dabei nicht die eigene Kultur zu verlieren. Wenn in einem Dorf 100 Menschen wohnen, und es kommen 500 Fremde hinzu, dann ist dieses Dorf schon kein deutsches mehr. Es ist wichtig, eine Balance zu erhalten, weil die europäische Kultur, das Leben in diesem kleinen Europa, ein unglaublicher Wert ist auf diesem Planeten. Es wäre schrecklich, wenn das verloren geht.

Frage: Was ist für Sie anders als in Russland, wenn Sie hier arbeiten? In Russland sehen sich viele Künstler Druck ausgesetzt.

Antwort: Deutschland ist für mich eine der Theater-Großmächte der Welt. Eine solche Theaterstruktur – als Lebensform quasi – gibt es eigentlich nur hier, in Russland und in vielleicht noch zwei oder höchstens drei Ländern. Das Theater hier ist nicht nur für die Unterhaltung da. Es wirft wichtige gesellschaftliche Fragen auf. Die Gesellschaft braucht das Theater als eine Art Psychoanalyse, um über die Kunst mit Spannungen umzugehen.

Frage: Wie schwer ist es für Sie, als Künstler in Russland zu arbeiten? Im Westen ist jedes Mal das Entsetzen groß, wenn ein Stück verboten wird. Auch Sie hatten schon Ärger mit dem Kulturministerium.

Antwort: Der Druck auf die Theater, auf die Leute in der Kunst ist in der Tat riesig vonseiten der Machthaber. Es werden ganze Stücke zerstört – oder deren Schöpfer eingeschüchtert. Aber ich habe dazu nicht eine so negative Einstellung, wie es sich vielleicht gehört – es ist ja üblich, sich darüber aufzuregen.

In Berlin habe ich vor nicht langer Zeit eine Paolo-Pasolini-Schau besucht. Thema dort waren auch die Prozesse gegen ihn in den 1960er und 1970er Jahren. Die Kirche hatte jeden seiner Filme auf dem Kieker. Vor diesem Hintergrund muss ich sagen, dass wir noch mehr oder weniger normal leben. Mir ist es lieber, wenn es Diskussionen gibt. In der Sowjetunion gab es gar keine Diskussionen. Im Moment gibt es sie noch bei uns. Und dass jemand vor Gericht geht, ist ja normal.

Frage: Ja, aber steht der Künstler oft schon vorher als Verlierer fest?

Antwort: Meistens. Bei Ihnen steht der Staat auf der Seite des Künstlers, weil die freie Äußerung der Gedanken und Gefühle mit den Mitteln der Kunst ein unantastbares Recht ist. Es gibt einen Schutz für die Kunst. Das gibt es bei uns in Russland nicht. Bei uns stehen die Mächtigen auf der Seite der Kirche oder von irgendwelchen finsteren Gestalten und manchmal auch von Verrückten. Manchmal gehen aber solche Fälle anders aus. Mir scheint, dass Russland noch lernt. Es ist gut, dass es diesen Prozess gibt. Das ist eine schwierige Phase, die nervt. Die Gesellschaft ist sehr nervös – und manchmal wird sie auch einfach nur verrückt.

Frage: Worauf führen Sie dieses Verrücktsein zurück?

Antwort: Ich bin nicht geneigt, jemandem die Schuld zu geben. Aber wenn das Volk jeden Tag erzählt bekommt, dass es umzingelt ist von Feinden, dass Amerika vernichtet werden sollte und dass wir dafür Atomwaffen haben, wenn also jeden Tag die militaristische Rhetorik geschürt wird, dann wird jeder verrückt: Russen, Deutsche, Franzosen. Die Russen sind gerade der Verblendung einer nie dagewesenen Propaganda ausgesetzt. Es ist sehr schwer, dagegen anzukommen. Dagegen kann weder das Kino noch das Theater kämpfen. Die Leute stehen unter dem Druck von Lügen. Es gibt einen Propagandakrieg, auch in den USA gibt es Propaganda und in der Ukraine.

(Die Fragen stellte Ulf Mauder, dpa)

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http://www.oper-stuttgart.de

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