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Wird nun alles gut? Erstes Konzert des BR-Symphonieorchesters nach der Konzertsaalentscheidung

12. Dezember 2015 - 13:12 Uhr

München (MH) – Eine gewisse Ode an die Freude konnte man heraushören aus den jüngsten Konzerten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks – jenes Ensembles, für das in erster Linie der neue Konzertsaal in München gedacht ist. Oder nicht? Alan Gilbert aus New York war engagiert, um in den beiden Dezember-Abo-Konzerten Christopher Rouses "Rapture", Mozarts Klavierkonzert KV 491 in c-Moll und – als Nielsen-Spezialist vor allem – Carl Nielsens 3. Symphonie zu dirigieren.

Alan Gilbert

Alan Gilbert

Das Programm war natürlich lange vor der Entscheidung der Bayerischen Staatsregierung festgelegt worden, auf einem früheren Industriegelände am Ostbahnhof einen neuen Saal zu bauen. Und während des Konzerts war hörbar klar, wie Kulturarbeit funktioniert. Diese Holzbläser, die in der Zugabe von Pianist Lars Vogt mit ihm zusammen einen Satz aus einem Mozart-Klavier-Quintett musizieren, soviel Schönklang, Genauigkeit, Flair und Freude! Diese Blechbläser, die Nielsens 3. Symphonie mit solider Strahlkraft zum Glänzen bringen, diese Streicher, bei denen selbst Kontrabässe im Piano noch Sechzehntel exakt spielen. Gastdirigenten, die aus aller Welt gerne nach München kommen, um das Orchester zu leiten, das sogar "Grammy"-ausgezeichnet ist. Unverzagt, mit zähem Fleiß und Spaß an der Sache, professionell im besten Sinn hat sich das Orchester seit 2003 mit Chefdirigent Mariss Jansons einen Weltruf erarbeitet.

Mariss Jansons, dem ernsten Skeptiker, gibt die Musik immer wieder die Freude und Kraft zum Durchhalten, auch wenn immer und immer wieder Schwierigkeiten auftauchen. Da sagt ihm ein Bayerischer Ministerpräsident erst den Konzertsaal zu, dann rückt der selbe Ministerpräsident von seinem Wort ab und will plötzlich die (städtische) Philharmonie im Gasteig (mit-)renovieren. Darauf sitzt in einer Pressekonferenz ein öffentlich gedemütigter Jansons dutzenden Journalisten gegenüber, die von ihm wissen wollen, was er nun dazu sagt. Der Dirigent äußert sich mit leiser Stimme – fast sprachlos, tief traurig und enttäuscht. So war es im Februar 2015.

Im Juli 2015 organisierten sich noch erneut die Konzerthaus-Befürworter, diesmal auch in einer Online-Petition, die wieder eine lebhafte Diskussion auslöste. Gekonnt brachte nun die Gruppe von Eigentümern, die das große ehemalige Industriegelände am Ostbahnhof neu bebauen (lassen) möchte, ihren Standort ins Gespräch. Sie hat das Gelände werbewirksam "Werksviertel" genannt, ein Internetauftritt informiert über die Vorhaben der Architekten und Stadtplaner. Auch der Eigentümer des früheren Pfanni-Geländes, die OTEC KG (Ot Ec – Otto Eckart war der Pfanni-Unternehmer) ist gut vernetzt. Und die Kommunikationsagentur der "Werksviertler" leistet ganz Arbeit: Sie stellt Pläne zur Verfügung, lädt die Bevölkerung ein, um das Projekt vorzustellen, organisiert Events für Kinder und Familien. Nach der Kabinettssitzung am letzten Dienstag erklärt Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle schließlich: "Wir werden bis 2018 im Werksviertel unumkehrbar die Weichen für den neuen Konzertsaal in München stellen. Der neue Konzertsaal soll in der Nähe des Münchner Ostbahnhofs als staatliche Baumaßnahme auf Erbbaurecht realisiert werden."

Konzertsaal, Infrastruktur

Konzertsaal, Infrastruktur

Ist nun alles gut? Beim Publikum und den Orchestermitgliedern ist die Stimmung während der Konzertpause gemäßigt enthusiastisch. Man freue sich sehr über die Kabinettsentscheidung für einen Konzertsaal – aber schließlich steht er noch lange nicht. Nach der mehr als zehnjährigen Debatte um verschiedene Standorte, den laut ausgetragenen Differenzen zwischen der SPD-Stadtregierung-München und CSU-Staatsregierung kann man es kaum fassen, dass die Verwirklichung der Konzertsaalpläne nun tatsächlich näher rücken könnte. Und ob am Ostbahnhof wirklich ein Saal mit erstklassiger Akustik entstehen wird? So richtig trauen viele den politischen Wortführern nicht. Aber bestmöglich Musik machen – und den tollen Konzerten zuhören – das schweißt Orchester, Dirigent und Publikum zusammen. Mariss Jansons leitet übrigens demnächst wieder in Wien das Neujahrskonzert – im Goldenen Saal des Musikvereins.

(Von Martina Kausch)

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