Favorit bei Jury und Publikum: Der jüngste Kandidat siegt mit der schwersten Aufgabe

13. Dezember 2015 - 19:27 Uhr

Bonn (MH) – Gäbe es noch das gute alte Applausometer, beim Finale der Bonner Telekom Beethoven Competition wäre es das Instrument der Stunde gewesen. Denn Stärke und Ausdauer des Beifalls standen am Samstagabend in direkter Korrelation zur Preiswürdigkeit der musikalischen Leistungen. Das Publikum durfte in diesem Jahr weitaus stärker als früher über die teilnehmenden Pianisten mitbestimmen.

Preisträger

Preisträger

Eines fiel bei den Finalisten direkt auf: von Asiaten oder Osteuropäern, die bei dem Wettbewerb traditionell sehr stark vertreten sind, keine Spur. Die waren in den vorherigen Runden bereits ausgeschieden. Stattdessen spielten Moritz Winkelmann (Deutschland), Ben Cruchley (Kanada) und Filippo Gorini (Italien) um die ersten Preise. Die drei hatten durchweg die beste Form bewiesen.

Den stärksten Beifall und die meisten Bravo-Rufe erntete Gorini. Ein erster Fingerzeig? Tatsächlich wurde dem 20-Jährigen auch der Publikumspreis zugesprochen. Jury-Präsident Pavel Gililov schien sichtlich erleichtert, nachdem es 2013 zu deutlicher Unruhe im Saal gekommen war. Damals hatten die Zuhörer zu 90 Prozent für den letztendlich Zweitplatzierten Stefan Cassomenos gestimmt.

Gorini war nicht nur der mit Abstand jüngste Teilnehmer, er hatte an diesem Abend auch die schwerste Aufgabe zu bewältigen: mit dem 5. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven musste er das längste und schwierigste aller Klavierkonzerte Beethovens spielen.

Das tat er mit einer angesichts seines noch fast jugendlichen Alters schier unglaublichen Souveränität. Die interpretatorische Reife, die sich hier zeigte, war mehr als bemerkenswert, fast schon eine Sensation. So pointiert, ausgereift und technisch hervorragend spielte an diesem Abend keiner. Selbst ein schwerer Lapsus im ersten Satz war für die Jury weniger entscheidend als Gorinis durchweg erstklassige Gesamtleistung.

Der Drittplatzierte Moritz Winkelmann, mit 31 Jahre schon ein Routinier, zeigte manch klavierlöwenhafte "Show-Geste". Bei Beethovens 1. Klavierkonzert glänzte er jedoch vor allem durch genuin pianistische Tugenden: eine präzise Interaktion mit dem Beethoven Orchester unter Stefan Blunier und ein insgesamt ausgewogenes Gesamtpaket, bei dem sich technische Beherrschung und musikalische Reife die Waage hielten. Insgesamt spielte Winkelmann jedoch ein wenig leise, der Klang des imposanten Konzertflügels wirkte gegenüber dem in Gala-Besetzung angetretenen Orchester zuweilen sehr zart und fragil.

Wesentlich mehr Biss zeigte diesbezüglich der Zweitplatzierte Ben Cruchley. Das war nicht zuletzt an den deutlich enthusiastischeren Reaktionen des Publikums und des Dirigenten abzulesen, der den Kanadier nach seiner Interpretation des 3. Klavierkonzertes spontan sehr herzlich umarmte. Cruchleys Spiel erwies sich als kernig, pointiert, profiliert und sehr individuell. Im zweiten Satz etwa entlockte er der Tatstatur mit der vielleicht differenziertesten Anschlagskultur des Abends verschwebende Ranken und eine Vielzahl farblicher Nuancen – phänomenal!

(Von Guido Krawinkel)

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