Liebestod mit Ohnmacht – Godards Oper "Dante" nach 125 Jahren wieder in Paris

04. Februar 2016 - 16:00 Uhr

Paris (MH) – Véronique Gens sang von azurblauen Dimensionen, in denen Engel tröstend die Menschen empfangen, als sie plötzlich schwankte und langsam in die Knie ging. Mezzosopranistin Rachel Frenkel wollte sie noch stützen, doch mit französischer Eleganz glitt die Sopranistin am Dienstag zu Boden. Dirigent Ulf Schirmer unterbrach die Schlussmomente der konzertanten Aufführung von Benjamins Godards Oper "Dante" in der Opéra Royal in Versailles. Sanitäter behandelten die Sängerin für einige Minuten. Der Dirigent entschied, das Konzert zu beenden und die restlichen 20 Sekunden der Oper nicht mehr aufzuführen. Mittlerweile gehe es Véronique Gens wieder besser, teilte ihr Management am Donnerstag auf Anfrage mit.

Véronique Gens

Véronique Gens

Godards Oper, uraufgeführt 1890 in der Opéra-Comique Paris, hat sich nicht im Repertoire etablieren können. Obgleich vom Publikum gefeiert, wurde das Werk damals von den Kritikern nicht gewürdigt. 125 Jahre später wurde es nun konzertant in der Königlichen Oper von Versailles aufgeführt, produziert von der Stiftung Palazzetto Bru Zane.

Etwas gekürzt, könnte sicherlich auch eine szenische Aufführung erfolgreich sein. Denn die enorm dichte musikalische Sprache – à la Grande Opéra – mit grandiosen Chorszenen, die vom Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Stellario Fagone perfekt einstudiert wurden, gefiel mit großem Farbenreichtum sowie Drama. Der Chor agiert als die Guelfen und Ghibelline, wie andere verschiedene Volksgruppen.

Im Besonderen der dritte Akt, Dantes Traumvision von Himmel und Hölle, wurde mit enormen Klangmassen tonal "angerichtet", die an Richard Wagners "Holländer" erinnern, wenngleich Godard den deutschen Komponisten nicht sonderlich schätzte. Mit dem Münchner Rundfunkorchester, unter der Leitung seines Chefs Ulf Schirmer, wurde diese konzertante Aufführung, in der wunderbaren Akustik der Opéra Royal, zum Erlebnis. Selten kann man einen Klangkörper mit einer solch homogenen Übereinstimmung erleben, zudem noch geprägt von einer tonalen Frische und unmittelbaren Musikalität. Die Leichtigkeit der französischen Melodik war kein Problem für dieses Orchester aus Deutschland. Ulf Schirmer verlieh der vielleicht etwas ausufernden Partitur eine prägnante Form und Charakter.

Brillante Sänger gaben diesem bemerkenswerten Abend großen Glanz. An erster Stelle ist die französische Sopranistin Véronique Gens als Béatrice zu nennen, die diese anspruchsvolle Partie mit beeindruckender Raffinesse und Klangschönheit höhensicher präsentierte, bis sie sich etwas frühzeitig verabschiedete. Ihr ebenbürtig war der kanadische Bariton Jean-François Lapointe als eifersüchtiger Siméone Bardi, der mit perfekter Phrasierung und schönstem Legato agierte.

Ulf Schirmer

Ulf Schirmer

Tenor Edgaras Montvidas zeigte sich zuweilen etwas überfordert als Dante, seine Stimme scheint sich in lyrischen Momenten noch wohler zu fühlen als in den vielen dramatischen Gefühlsausbrüchen dieser Partie. Dantes letzte Worte: "Ja, ich muss noch leben, singen für sie. Gott hat sie sterblich gemacht. Ich will sie unsterblich machen!" konnte er an diesem Abend allerdings nicht mehr zu Gehör bringen. Mezzosopranistin Rachel Frenkel, in der Rolle der Gemma, gefiel mit einem schönen Timbre und Gestaltungsreichtum.

Auch die kleineren Rollen waren bestens besetzt: Mezzosopranistin Sarah Laulan (ein Schüler) berührte mit einem warmen Timbre und präsentierte sich als großes Talent. Tenor Andrew Lepri Meyer (Herold) und Bassbariton Andrew Foster-Williams (Schatten von Vergil und als Greis) sangen ebenfalls ohne Fehl und Tadel.

(Von Midou Grossmann)

Links:

http://www.bru-zane.com
http://www.br.de/radio/br-klassik/muenchner-rundfunkorchester/index.html

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