Wiesbadener Maifestspiele überzeugen mit radikaler Sicht auf Zimmermanns "Die Soldaten"

01. Mai 2016 - 13:42 Uhr

Wiesbaden (MH) – Zur Eröffnung der Internationalen Wiesbadener Maifestspiele am Samstag sandte Intendant Uwe Eric Laufenberg eine Botschaft, die einem wuchtigen Schlag in den Solar Plexus gleicht: Krieg und Zerstörung verändern unwiederbringlich die Mitte der Gesellschaft. Keiner bleibt verschont, weder die Zuschauer im Parkett, noch die Adeligen in der Königsloge und schon gar nicht das gemütlich in roten Plüschsitzen versinkende bürgerliche Publikum.

Gloria Rehm in "Die Soldaten"

Gloria Rehm in "Die Soldaten"

Diesmal sitzt der größte Teil der Zuschauer auf der Bühne und beobachtet von dort aus, wie Orchestersessel zu Soldatencafés mutieren, die Kaiserloge blutiger Tatort wird und wie ein gigantischer Zeppelin hereinschwebt, samt verstörender Projektionen des zerbombten, völlig zerstörten Theatergebäudes. Das gesamte Parkett wandelt sich nacheinander zum wirren Kriegslager, tristen Soldaten-Lazarett und zur düsteren Leichenhalle. Marodierende Soldaten duellieren sich mit abgerissenen Theaterlüstern, Stuckverzierungen werden vom ersten Rang abgeschlagen, kurz: das Grauen ist derart realistisch, dass man sich nicht wundern würde, wenn plötzlich echte Terrorkommandos das Feuer eröffneten (Bühne: Zinovy Margolin).

Mit dieser aufwühlenden Sicht auf seine überdimensionierte Antikriegsoper "Die Soldaten" hätte sich Bernd Alois Zimmermann sicherlich angefreundet. Der ebenso aufregende wie aufwendige Ansatz des jungen russischen Regiestars Vasily Barkhatov führt radikal fort, was der Komponist zur Uraufführung 1965 seines Opus Magnum in Köln wollte: totales Theater als "Großraumgefüge", in dem selbst das Publikum mobil mit einbezogen sein sollte.

Denn auf diese Weise wird die zerstörte Psyche des gefallenen Bürgermädchens Marie nach dem Schauspiel von Jakob Michael Reinhold Lenz, die eigentlich den bürgerlichen Stolzius liebt, sich dann aber, angestachelt vom ehrgeizigen Vater Wesener, von adligen Offizieren umwerben lässt und Schritt für Schritt zur verachteten Hure wird, einmalig erfahrbar. Der ruinierte Theaterbau ist dabei schreckliches Sinnbild dieses zerstörten "Frauenzimmers", vergewaltigt durch die verrohten Soldaten.

Gloria Rehm singt die naive Marie mit einer stimmlichen und seelischen Ausdrucksvielfalt, die in jeder Szene atemlose Spannung erzeugt. Ihr Geliebter Stolzius, den Holger Falk überzeugend verkörpert, steht unter dem unguten Einfluss seiner Übermutter, auftrumpfend gesungen von Andrea Baker. Hervorragend besetzt auch alle Soldaten-Partien, allen voran Martin Koch als Desportes und Joachim Goltz in der Rolle des Feldpredigers Eisenhardt. GMD Zsolt Hamar und Subdirigent Benjamin Schneider erzeugen ab dem ersten Orchesterschlag – diesem blutigen Paukenschreien – eine unwiderstehliche Sogwirkung, an der über 200 Instrumente beteiligt sind. Changierend zwischen zarter Zwölftonmusik, Bachorgelklang, Jazzrhythmen und wuchtiger Marschmusik überwältigt die Komplexität aus dem Orchestergraben.

Mit dieser "schweren" Riesenoper, die für jedes Haus eine logistische Überforderung bedeutet, zeigt Wiesbaden, dass es mit den Festspielen mehr will, als heitere Frühlingsunterhaltung zu bieten. Am Ende gibt es viel Applaus für alle Beteiligten.

(Von Bettina Boyens)

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http://www.maifestspiele.de

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