Musik trifft auf den Atem der Großstadt – 24-Stunden-Konzertprojekt bespielt ungewöhnliche Orte

23. Mai 2016 - 13:55 Uhr

Frankfurt am Main – Angestrahlt von einer OP-Lampe sitzt Ashok Nair auf dem Operationstisch: Er spielt Ragas aus Indien auf einer Sitar, einem Instrument, das viele Deutsche noch nie gesehen haben – und sicher nicht in einem Krankenhaus. Das Konzert ist Teil des Musikprojekts "One Day in Life", für das hunderte Menschen am Samstag und Sonntag quer durch Frankfurt zogen, um Musik an ungewöhnlichen Orten zu hören.

Konzert im Operationssaal

Konzert im Operationssaal

Ausgewählt hat die Stücke der frühere Berufsmusiker und heute weltberühmte US-Architekt Daniel Libeskind. Für jede der 18 Stationen, an denen man an diesem Wochenende 24 Stunden lang Musik erleben konnte, suchte der 70-Jährige inhaltlich passende Stücke aus. Für das Minikonzert im Krankenhaus hatte er neben beruhigender Klassik aus Indien den französischen Barockkomponisten Marin Marais ausgewählt, der 1690 tatsächlich ein Stück über eine Blasenstein-Operation geschrieben hatte.

"Normalerweise haben wir da andere Instrumente", scherzt einer der Chefärzte. Neben der Sitar kommen eine Viola da Gamba und ein historisches Instrument namens Theorbe mit meterlangem Hals zum Einsatz. Neben einer Röntgenaufnahme stehen Libeskind und Stephan Pauly. Der Intendant der Alten Oper hatte die Idee zu dem Kulturspektakel. Immer wieder bringt der 44-Jährige seit seinem Amtsantritt 2012 das Konzerthaus mit ungewöhnlichen Konzertformen in die Schlagzeilen. Doch mit "One Day in Life" dürfte der Kulturmanager den Coup des Jahres gelandet haben: 15.500 Karten wurden nach Angaben der Pressestelle vom Montag für das Event verkauft.

Im Trainingscenter der Frankfurter Feuerwehr spielen Musiker im dritten Stock eines zu Übungszwecken ausgebrannten Hauses, das Fenster neben ihnen ist rußgeschwärzt. Direkt danach auf einer Verladerampe: ein Pianist mit der Klavierbearbeitung von Beethovens Fünfter. Und dann Karlheinz Stockhausen: "Gesang der Jünglinge im Feuerofen". Es zischt und blubbert und kreischt und wimmert halb synthetisch und halb menschlich aus Lautsprechern durch die 25 Meter hohe Halle.

Im Rebstock-Hallenbad verlangt ein Konzert zu mitternächtlicher Stunde bei tropischen Temperaturen den Musikern alles ab. "Eine tolle Erfahrung unter erschwerten Bedingungen", sagt Cellist Karl Simko (23), Student an der Frankfurter Musikhochschule. Er hat wie alle in dem kleinen Orchester, das zwischen zwei großen Schwimmbecken Händels "Wassermusik" darbietet, wegen der hohen Luftfeuchtigkeit große Probleme mit dem Stimmen seines Instruments.

Konzert im Rebstockbad

Konzert im Rebstockbad

Die Zuschauer genießen derweil in dem Bad mit seiner eleganten Zeltarchitektur entspannt in Liegen die Musik. Wenige Minuten nach Ende der Vorstellung stürzt sich der erste in Badehose ins Becken – das Rebstock lud bis drei Uhr morgens die Zuschauer zum Schwimmen ein.

Begonnen hatte (der Jude) Libeskind den "One Day in Life" am Samstag bewusst mit dem Thema "Erinnerung" im heute kaum noch beachteten Frankfurter Hochbunker in der Innenstadt. Dort, wo bis zur Zerstörung 1938 eine große Synagoge stand, hatten die Nazis im Zweiten Weltkrieg eine Schutzanlage errichten lassen. In dem fensterlosen Verlies erinnert Luigi Nonos wehklagenartige Klangcollage ("Erinnere Dich, was sie Dir in Auschwitz angetan haben") die Besucher an das Schicksal der Frankfurter Juden.

"Ich habe versucht, den Geist dieser Stadt einzufangen", sagt Libeskind, der unter anderem mit dem Masterplan für das wiedererrichtete World Trade Center in New York weltbekannt wurde. Mit dem Projekt sollen die Besucher nach seiner Vorstellung den Großstadt-Organismus erspüren – als Speicher des gelebten und ungelebten Lebens.

(Von Sandra Trauner, Thomas Maier und Christian Rupp, dpa/MH)

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