Frankfurter "Carmen": Ein großer Wurf

06. Juni 2016 - 12:56 Uhr

Frankfurt am Main (MH) – Barrie Koskys "Carmen"-Inszenierung an der Oper Frankfurt ist kultverdächtig. Frech, rasant, stilistisch eine glitzernd düstere Pracht und explodierend vor sprühenden Varieté-Einfällen kam die Premiere am Sonntag daher. In Paula Murrihy hat Kosky seine ideale Primadonna gefunden, denn die irische Mezzosopranistin kann nicht nur schillernd singen, sondern auch begnadet tanzen und spielen. Joseph Callejas Debüt als Don José war überragend, Karen Vuong eine stimmstarke und berührende Micaëla und Constantinos Carydis dirigierte das Opernorchester mit viel Sinn für kräftige Farben.

Paula Murrihy als Carmen

Paula Murrihy als Carmen

In der Frankfurter Fassung von Georges Bizets Meisterwerk spielten die perfekt choreografierten Massenszenen der grotesk geschminkten Chöre und sechs gelenkige, ironische Tänzer weitere Hauptrollen. Die anmutige Art, wie die drei Zigeuner-Sängerinnen Carmen, Frasquita (Kateryna Kasper) und Mercédès (Elizabeth Reiter) gleichzeitig wie Moulin-Rouge-Tänzerinnen die Beine schwangen, löste immer wieder langen Szenenapplaus aus. Grundsätzlich reagierte das Publikum auf Koskys Revuekonzeption aber gespalten. Am Schluss stellte sich der Regisseur mitten in einen Orkan aus streitenden Jubelrufen und Buhstimmen, der an beste Frankfurter Zeiten der leidenschaftlichen Zuschauerteilhabe erinnerte.

Vom ersten Augenblick an war das Publikum in Hab-Acht-Stellung. Mitten in die Zuschauergespräche hinein platzte Constantinos Carydis mit den ersten Klängen der Carmen-Ouvertüre, als wolle er einen wilden Tusch dirigieren. Bereits da war klar: Aufpassen, diese "Carmen" wird anders. Und das begann bereits bei der Frankfurter Sonderfassung nach der kritischen Ausgabe von Michael Rot, die sich übergreifend aus den zehn existierenden Fassungen zusammensetzt. Ganz in der Tradition der Opéra Comique betont sie das Geschehen aus Sicht der Titelheldin. Die Dialoge verschmelzen zu einem auf Französisch gesprochenen, inneren Monolog Carmens (nach Henri Meilhac, Lucovic Halévy und Prosper Mérimée), der die Musik unterbricht und die Oper zu einzelnen Nummern zerschneidet.

Auf der riesigen Showtreppe von Katrin Lea Tag, die auch für die stilsicheren Kostüme verantwortlich zeichnete, nahm das Geschehen als morbides Varieté, das am Schluss zum schrecklichen Totentanz mutiert, seinen Lauf. Debütantin Paula Murrihy trat erst in roter Torero-Kluft auf, dann als wuchtiges Gorilla-Weibchen und kämpfte am Ende mit ihrer spektakulären, schwarzen Riesenschleppe wie eine düstere Alienbraut. Nicht nur die von ihr girrend intonierte, fast operettenhafte Frühfassung der Habanera hatte man so noch nie gehört, auch das neue Finale überzeugte.

Nachdem José Carmen erstochen hatte, ging er einfach über die große Treppe ab, ohne das letzte Wort zu haben und sich selbst auszuliefern. Wer aber nach dem Tod wieder auferstand, war die schwarze Carmen, gefährlich glitzernd und naiv achselzuckend, mit dem gestischen Ausdruck: "Hier bin ich wieder: Auf ein Neues."

(Von Bettina Boyens)

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