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Mit feuchten Händen zu sanften Tönen: Das Wiener Glasharmonika-Duo

24. November 2011 - 08:38 Uhr

Für die meisten Musiker sind feuchte Hände ein Alptraum. Aber an der Glasharmonika steht immer ein Schüsselchen mit Wasser. Denn hier müssen die Finger sogar feucht sein, nur so kann man einen Ton erzeugen. Das Prinzip kennt jeder, der schon einmal mit dem Finger um den Rand eines Trinkglases gefahren ist.

Wiener Glasharmonika-Duo

Bei einer Glasharmonika lagern 30 bis 40 ineinandergeschobene Glasschalen in zunehmender Größe auf einer Achse. Diese wird über ein Fußpedal in Rotation versetzt, vergleichbar mit dem Antrieb einer Nähmaschine. Auf den sich drehenden Schalen kann man spielen wie auf einem Klavier. Es gibt sogar "schwarze Tasten" für die Halbtöne – bei der Glasharmonika haben die entsprechenden Schalen aber einen goldenen Rand.

Aufstieg und Fall der Harmonika – und ihre Wiederentdeckung

Es ist einer der seltenen Fälle, dass man von einem Musikinstrument so genau weiß, wann und wie es entstanden ist. Erfunden hat die Glasharmonika Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten. Das Instrument, zu dem er 1761 von anderen Glasspielen inspiriert wurde, nannte er "Harmonica". Erst nach der Entwicklung anderer Harmoniken erhielt die erste von ihnen die Bezeichnung "Glasharmonika".

Schnell erlangte das Instrument große Beliebtheit. Mozart hat dafür komponiert, Beethoven, Haydn und viele andere. Irgendwann kam die Glasharmonika aber außer Mode. "Schon 1837 bei der Uraufführung der Oper 'Lucia di Lammamor' von Gaetano Donizetti war es ein Problem, einen Musiker zu finden, der das Instrument hätte spielen können", sagte Gerald Schönfeldinger vom "Wiener Glasharmonika-Duo" im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin musik heute. Seine Frau und Duo-Partnerin Christa Schönfeldinger erklärte: "Zu dieser Zeit hat sich der große Orchesterklang entwickelt, zwischen dem man die Glasharmonika kaum noch hören konnte. Außerdem war es immer ein sehr teures Instrument, das nur wenige Musiker überhaupt gespielt haben. Dadurch ist es einfach komplett in Vergessenheit geraten."

Christa Schönfeldinger

Christa und Gerald Schönfeldinger sind ausgebildete Konzertgeiger. "Der Orchesterjob war aber nicht wahnsinnig aufregend für uns", sagte er. Durch Zufall entdeckten sie die Glasharmonika: "In einem Musikrätsel wurde ein Instrument gesucht, für das Mozart komponiert hat, das Donizetti und Richard Strauss in der Oper eingesetzt und mit dem Franz Anton Mesmer in Wien seine Heilsitzungen begleitet hat. Ich kannte es nicht, aber Christa." Das Interesse der beiden Musiker war geweckt. Sie besuchten die Werkstatt des Münchner Instrumentenbauers Sascha Reckert. Bei diesem fanden sie nicht nur eine Harmonika, sondern auch ein Verrophon – unterschiedlich lange Glasröhren, eine Erfindung Reckerts. "Da war für mich klar, diese beiden Instrumente sind das Wiener Glasharmonika-Duo", sagte Gerald Schönfeldinger.

Die beiden Musiker zogen sich vom Geigenspiel zurück und stürzten sich auf die Glasinstrumente. Ein paar Jahre lang haben sie erst einmal nur geübt, ehe sie sich auf die Bühne wagten. "Denn es sollten nicht nur die exklusiven Instrumente wirken. Wir wollten von Anfang an auch künstlerisch auf hohem Niveau spielen", sagte er. Ein Anspruch, den sie von ihrer Ausbildung und Arbeit als Geiger mitbrachten. Im Unterschied dazu haben sie sich die Glasinstrumente völlig alleine beigebracht. Denn weltweit spielen gerade mal ein Dutzend Musiker die Harmonika. "Das war ja auch das Spannende daran", erklärte Christa Schönfeldinger. "Bei der Geige kannten wir den Zenit des Instruments. Da erkennt man auch bei den schweren Stücken, wann sie gut gespielt sind. Aber bei den Gläsern mussten wir das alles selbst entdecken."

Wasser ist nicht gleich Wasser

Gerald Schönfeldinger

Dabei haben sie interessante Erfahrungen gemacht. Dass die Hände nass sein müssen, war klar. Also nach dem Musizieren dick eincremen? "Nein! Bloß nicht!", widersprach die Harmonikaspielerin vehement. "Ich brauche raue und entfettete Haut, ansonsten habe ich keinen Ansatz am Glas." Und es muss immer das gleiche Wasser sein. In der Klasse, in der die beiden spielen, muss der Ton sofort ansprechen. "Da macht die unterschiedliche Zusammensetzung des Wassers schon etwas aus", erklärte sie. "Hartes Wasser ist zum Beispiel tödlich. Ich habe mich mittlerweile auf destilliertes Wasser umgestellt, das bekomme ich überall. Gerald kann damit nicht so gut spielen, deshalb nehmen wir immer unser eigenes Leitungswasser mit."

Eine andere Beobachtung hat die beiden Musiker zunächst selbst überrascht: "Ein paar Stunden vor einem Konzert dürfen wir nichts essen, sonst verändert sich die Spannung der Haut", erklärte er, und sie ergänzte: "Die Haut ist immerhin das größte Verdauungsorgan. In der ersten Übungszeit haben wir von früh morgens bis spät abends gearbeitet. Und wenn wir vor einer Übungseinheit etwas gegessen haben, klangen die Instrumente plötzlich anders."

Nach zehn Jahren Übens an Glasharmonika und Verrophon dachten sie das erste Mal: 'So, jetzt haben wir’s.' Doch heute, nach 20 Jahren, sagen sie, dass sie damals erst auf einem guten Weg waren. "Das ist immer noch ein Entwicklungsprozess", sagte Christa, und Gerald ergänzte: "Du lernst ständig dazu. Du lernst nach wie vor neue Techniken, mit jedem Stück, das auf dich zukommt. Zuerst sagst du, das ist sehr schwierig oder unspielbar – aber dann geht es doch." Als Beispiel nennt Christa Schönfeldinger eine der neuen Kompositionen ihres Mannes: "Da habe ich gefragt: Wie soll ich das jemals spielen? Aber es sind diese Aufgaben, die dich technisch weiterbringen."

Glasharmonika

Die Glasharmonika bietet dem Zuhörer ein völlig neues Klangerlebnis, "obwohl sie schon so alt ist", wie Gerald zu bedenken gab. "Noch dazu mit dieser wunderbaren Ästhetik, die das Instrument auch optisch hat. Das ist sehr, sehr selten. Das kannst du dir auch nicht suchen, das kommt auf dich zu." Christa ist noch immer begeistert, wenn sie überlegt: "Wie das alles passiert ist, dass wir jetzt dieses Instrument spielen, das 150 Jahre lang verschollen war…" Mit ihrem Fleiß und Engagement haben sie die Glasharmonika auf die großen Bühnen zurückgebracht, von den Salzburger Festspielen bis zur Berliner Philharmonie.

Ganz bewusst verbindet das Duo historische und zeitgenössische Werke: "Wir freuen uns, wenn wir Kompositionen bekommen", sagte sie. "Eine der wirklich guten Kompositionen war vor vier Jahren "Armonika" von Jörg Widmann für Glasharmonika und Orchester. Und der estnische Komponist Arvo Pärt hat uns das Einverständnis erteilt, sein 'Pari Intervallo' aufzuführen. Das ist uns wichtig, denn wir wollen es ja nicht als Museumsinstrument jetzt spielen und nur Mozart – obwohl der wunderbar ist. Ich liebe zum Beispiel das Adagio und Rondo KV 617. Was kaum einer weiß: Das ist Mozarts letztes Kammermusikwerk – komponiert für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Bratsche und Cello."

Einmal gestimmt – immer gestimmt

Wer eine Glasharmonika besitzt, braucht sich um das Stimmen nie mehr zu kümmern, erklärte das Wiener Duo: "Glas ist zwar ein flüssiges Material, es fließt aber so langsam, dass ein Instrument erst nach Jahrhunderten verstimmt wird." Die Schalen müssen also von Anfang an exakt gestimmt sein."Der Vorteil zum Beispiel gegenüber der Geige ist: Einmal gestimmt – immer gestimmt." Deshalb kann man aber eine historische Harmonika, wie die im Berliner Musikinstrumenten-Museum ausgestellte, nicht zusammen mit heutigen Instrumenten spielen – damals war der Kammerton niedriger.

Verrophon

Dennoch konnten die Schönfeldingers – übrigens das einzige Glasharmonika-Duo der Welt – im 250. Jubiläumsjahr des Instruments Original und Nachbau verbinden. Denn neben moderner Glasharmonika und Verrophon besitzen sie auch ein historisches Gläserspiel – das inzwischen tatsächlich verstimmt ist. "Da entstehen irre Schwebungen, und das hat den Gerald gepackt", erzählte Christa. Die Töne inspirierten ihn zu der Komposition "Bleioxyd". Darin zitiert er aus einer Romanze von Ludwig van Beethoven. Der Titel bezieht sich auf den früher höheren Bleigehalt im Glas. Vergiftungsgefahr bestand aber zu keiner Zeit, denn das Blei löst sich nicht aus dem Glas. Es verhalf aber zu einem noch reineren, hypnotischen Ton.

Hörproben mit Musik von Mozart, Hildegard von Bingen, Ennio Morricone und anderen gibt es auf der Internetseite des Wiener Glasharmonika-Duos. Dort finden sich auch ihre nächsten Konzerttermine, bis Ende 2011 in Italien, der Schweiz und Deutschland. Dabei erzählen die Musiker gerne über ihre besonderen Instrumente und kommen mit dem Publikum ins Gespräch.

(Von Wieland Aschinger)

http://www.glasharmonika.at/

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