Castorfs Bayreuther "Siegfried" heftig ausgebuht – Sammelsurium kurioser Einfälle

30. Juli 2016 - 10:07 Uhr

Bayreuth – Das "Rheingold" und die "Walküre" bei den Bayreuther Festspielen gingen in diesem Jahr noch ohne Proteste über die Bühne. Doch nach dem "Siegfried" am Freitagabend platzte Teilen des Publikums der Kragen. Für die Inszenierung von Frank Castorf gab es ein heftiges Buh-Konzert. Die Ablehnung galt allerdings nicht den Sängern – ganz im Gegenteil.

Festspielhaus Orchestergraben

Festspielhaus Orchestergraben

Das gesamte Ensemble wurde gefeiert – Stefan Vinke, der als Siegfried auch nach Stunden noch mit der glänzenden Catherine Foster als frisch ausgeruhte Brünnhilde mithalten konnte, sogar frenetisch – und das zu Recht. Ebenso wie John Lundgren als wandernder Wotan und Nadine Weissmann als Erda. Auch Andreas Conrad als Mime überzeugte.

Dirigent Marek Janowski, der Richard Wagners "Ring des Nibelungen" in diesem Jahr von dem unerreichten Kirill Petrenko übernommen hat, erntete einen Jubelsturm – wenngleich er auch im dritten Teil von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" weder in Sachen Präzision noch Kraft an seinen Vorgänger herankam.

Weder Sänger noch Dirigent können aber etwas daran ändern, dass fünf Krokodile aus Plastik die Bühne einnehmen, während Siegfried und Brünnhilde sich in den Armen liegen. Ungläubiges Lachen hier und da verwandelt sich in wütende Buhs, als der Vorhang fällt – durchaus unterbrochen allerdings von Bravo-Rufen.

Castorf, der Noch-Intendant der Volksbühne Berlin, verlegt die große Saga um den jungen Mann, der das Fürchten nicht kennt, einen Drachen tötet und die Liebe findet, vor die Kulisse eines kommunistischen Mount Rushmore – Marx, Lenin, Stalin und Mao überdimensional in Stein gemeißelt. Die andere Seite der massiven, überaus beeindruckenden Drehbühne (Aleksandar Denić) ziert der Berliner Alexanderplatz, auf dem die Krokodile umherkrabbeln – Ideen, die im Bayreuther Zuschauerraum am Freitag längst nicht allen gefallen.

Auch in seinem vierten Jahr ist Castorfs "Siegfried", vor dem Hinweisschilder im Foyer des Festspielhauses warnen, weil es laut wird, ein Sammelsurium kurioser Einfälle, die zusammen doch kein überzeugendes Ganzes ergeben. Laut wird es, weil Siegfried zwar das Schwert Nothung schmiedet, den Drachenwurm Fafner (Karl-Heinz Lehner), der bei Castorf in der Berliner U5 wohnt, aber mit einer Kalaschnikow erschießt.

Laut wird es auch, weil es ständig rumpelt auf der Bühne. In und um den silbernen Camper, in dem Siegfried und sein hinterhältiger Ziehvater Mime leben, kracht und hämmert es permanent. Mime schlägt gegen Marx' Nase, Siegfried gegen Stalins Augenhöhle. Fast scheint es, als wolle der Werkzertrümmerer Castorf, der aus dem Korsett der Musik in der Oper im Gegensatz zum Theater nun mal nicht ausbrechen kann, sich nicht sagen lassen, er hätte es nicht wenigstens versucht.

Am Samstag macht der "Ring" eine Pause und überlässt dem "Fliegenden Holländer" die Bühne. Am Sonntag gibt es dann das große "Ring"-Finale mit der "Götterdämmerung". Danach wird sich voraussichtlich auch Regisseur Castorf dem Publikum zeigen.

(Von Britta Schultejans, dpa/MH)

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