Opernregisseur Harry Kupfer: "Wer einen Kopf hat, der sucht!"

03. Oktober 2016 - 09:15 Uhr

Berlin/Dresden – Harry Kupfer gehört zu den führenden Opernregisseuren unserer Zeit. Etwa 90 Werke hat er überall auf der Welt inszeniert. Am (heutigen) Montag bringt der ehemalige Chefregisseur der Staatsoper Dresden Beethovens "Fidelio" auf die Bühne der Berliner Staatsoper. Der 81-Jährige glaubt an die Kraft von Utopien. "Utopien sind im wahrsten Sinne des Wortes notwendig, sie können die Kraft haben, Not zu wenden", sagte Kupfer im Interview der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Harry Kupfer

Harry Kupfer

Frage: Wie entstehen Ihre Inszenierungen, auf welche Ideen gründen sie sich?

Antwort: Die Grundlage des Theaters von heute ist die Straße – man darf die Straße nur nicht auf die Bühne bringen. Man muss herauskriegen: Was berührt mich heute an einem Stück, an einer Oper, im Kontext meiner Alltagserfahrungen? Bei der Oper ging und geht es um Utopien. In der Szene wie im Klang. Utopien sind im wahrsten Sinne des Wortes notwendig, sie können die Kraft haben, Not zu wenden. Das Bedürfnis nach Utopien ist international. Ich war zwölf oder 13 Jahre alt und zum ersten Mal in der Staatsoper, "Madama Butterfly", da habe ich geweint. Da wusste ich: Das ist mein Fach, da muss ich hin. Ich wusste nur nicht wie! Singen konnte ich nicht – also bin ich der Regie verfallen.

Frage: Sie haben 1977 Richard Wagners "Parsifal" in Berlin inszeniert. 15 Jahre war das Musikdrama im Osten nicht aufgeführt worden. Gab es dafür politische Gründe?

Antwort: Ich habe jedenfalls damals keinen politischen Druck gespürt. Klar: Der Intendant musste das Konzept vorher genau kennen, um es vor dem Ministerium verteidigen zu können. Viel brisanter aber war die "Salome"-Inszenierung zwei Jahre später an der Berliner Staatsoper: Ein blutiger Kopf auf der Bühne? Da kam ein Abgesandter vom Ministerium und äußerte seine Bedenken. Plötzlich wurden der Intendant und mit ihm alle Dramaturgen der Reihe nach krank. Zur Generalprobe stand ich völlig alleine da. Da kam wieder ein Mann vom Ministerium, offensichtlich jetzt ein vernünftiger – er gab grünes Licht. Am Premierentag waren alle wieder gesund. Diese Inszenierung wird noch immer an der Staatsoper gespielt!

Frage: Sie haben sich auffällig für Neue Musik eingesetzt, für Werke, die in der DDR unbekannt waren. Eins davon war 1975 Arnold Schönbergs "Moses und Aron" in Dresden. Wie kam es dazu?

Antwort: Diese Geschichte war schon brisant: Ich habe zwei Jahre darum gekämpft, es überhaupt machen zu dürfen. Wir hatten ein Konzept, mit dem wir gearbeitet haben, und ein anderes zur Vorlage bei den offiziellen Stellen. Als die das mitbekommen haben, war es schon zu spät. Meine Inszenierung in Dresden war ja nun auch nicht eine Feier des Religiösen, sondern eine intensive Auseinandersetzung mit der Situation eines Volkes, das nicht weiß, was es von denen halten soll, die die Richtung vorgeben. Das Stück durfte nicht im Anrecht gespielt werden; wir haben es dennoch 39 Mal aufgeführt. Entscheidend war für den Erfolg, dass die Leute es verstanden haben.

Frage: In Ihren Inszenierungen gibt es kein Schwarz oder Weiß. Selbst negativen Figuren bringen Sie Empathie entgegen, oder?

Antwort: Das ist schon bei Shakespeare so: Jede negative Figur hat einen Bruch in sich und einen Grund, warum sie so geworden ist. Man muss einfach den Text richtig lesen und die Musik richtig hören, dann erfährt man das. Bei "Parsifal" ist es die Suche des Menschen nach einer Weltanschauung, nach der menschlichen Bestimmung. Es geht um die Bekenntnisse zu Widersprüchen und gleichzeitig um den Kampf für Positives, für Menschlichkeit. Das ist ein ewiges Thema. Wer einen Kopf hat, der sucht! Und diese Suche ist in diesem Stück das Entscheidende.

(Die Fragen stellten Boris Gruhl und Oleg Jampolski, dpa)

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