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Staatsoper Hamburg: Zwei ungarische Einakter-Alpträume ein gelungener Coup

07. November 2016 - 11:01 Uhr

Hamburg – Béla Bartóks einzige Oper "Herzog Blaubarts Burg" ist ein Geniestreich, ein finsterer Horror-Schocker, der wegen seiner Kürze meist mit anderen Einaktern gekoppelt wird. Bartóks Landsmann Péter Eötvös machte mit dieser Beliebigkeit ein Ende. Er komponierte mit "Senza Sangue" (Ohne Blut) ein Komplementärstück, in dem er das tragische Täter- und Opfer-Motiv eines Paares thematisch mit Bartóks "Blaubart" eng verknüpfte. In Köln 2015 konzertant uraufgeführt, geriet die erste Bühnenversion von "Senza Sangue" in Avignon freilich eher provinziell.

"Herzog Blaubarts Burg"

"Herzog Blaubarts Burg"

Umso höher die Erwartung an Hamburgs Staatsoper, das Doppel virtuos in Szene zu setzen. Und wie gewünscht, geschah’s am Sonntagabend. Dem prominenten russischen Opernregisseur Dmitri Tcherniakov (Jahrgang 1970) gelang sogar auf einzigartige Weise, die beiden ungarischen Einakter-Alpträume pausen- und nahtlos so ineinander zu verweben, dass man glaubte, in einem einzigen Stück zu sein. Man konnte nur staunen ob des gelungenen Theatercoups.

Dabei begann es unspektakulär. Tcherniakov, stets auch sein eigener Bühnenbildner, hatte Eötvös' Geschichte um eine Frau, die den Mörder ihres Vaters und ihren eigenen Retter dingfest machen will, in ein surrealistisch anmutendes italienisches Straßencafé verlegt. "Senza Sangue" basiert schließlich auf der gleichnamigen Novelle des Italieners Alessandro Barrico. In dem Augenblick, da die einst von Hass Getriebene dem Mann eine Hotelnacht offeriert, verwandelte sich die weite Bühne in das Guckkasten-Verlies eines engen Hotelzimmers, in dem sich das "Blaubart"-Paar, zum Verwechseln ähnlich gestylt, qualvolle Szenen einer Ehe lieferte.

Wie weggeblasen schien da der ganze verstaubte Symbolismus, das steif Parabelhafte, die kalte Märchen-Magie, mit der sich ansonsten die sieben Pforten der Erkenntnis in Bartóks blutigem Schreckens-Psychogramm zu öffnen pflegen. Hier war alles psychologisch scharf und schlüssig konturiert, als sei eine Kamera in die schwärzesten Seins-Abgründe von Mann und Frau vorgedrungen. Delikate Video-Einspielungen schärften dabei die Parallelen beider Werke.

"Senza Sangue"

"Senza Sangue"

Es war ein großes Glück dieses eindrucksvollen Premierenabends, dass der heute 72-jährige Eötvös bei seiner Bartók-Hommage wie bei Bartók selbst am Philharmoniker-Pult stand und die krassen Seelen-Introspektionen mit schimmernder Kraft und bewegender Emphase vorantrieb. Was machte es da, dass "Senza Sangue" bei aller Dichte seiner bedrohlich flutenden und klirrenden Musik mit Bartóks singulärem Werk nur bedingt konkurrieren konnte.

Die beiden Sänger-Paare warfen sich jedenfalls mit gleich großer Virtuosität in ihre Höllen-Trips. Beim Hochspannungsseil-Akt von "Senza Sangue" brillierten Angela Denoke und Sergei Leiferkus, beim "Blaubart"-Clinch Claudia Mahnke und Bálint Szabó. Das Philharmonische Staatsorchester, offenkundig erfrischt durch seine erfolgreiche Südamerika-Tournee, gab Bartók und Eötvös brisanten Glanz.

(Von Barbara Sell, dpa/MH)

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