Anzeige

Anzeige

Im Wiesbadener "Rheingold" sind die Götter Nomaden

14. November 2016 - 13:17 Uhr

Wiesbaden (MH) – Sängerisch teils auf hohem Niveau, mit solide unaufgeregter Regie und musikalisch bisweilen glanzloser Interpretation: So beginnt Richard Wagners Bühnenfestspiel mit dem "Rheingold" in der hessischen Landeshauptstadt. Das ausverkaufte Haus reagierte am Sonntagabend mit großem Wohlwollen und beklatschte Sänger, Dirigenten und Leitungsteam.

"Das Rheingold"

"Das Rheingold"

Herr im Ring ist der regieführende Intendant Uwe Eric Laufenberg. Gemeinsam mit Bühnenbildner Gisbert Jäkel hat er seinen für Linz geschmiedeten "Ring" recyclet und die Kreation für die hypermoderne Linzer Neubaubühne den technischen Verhältnissen im Wiesbadener Staatstheater angepasst. Bereits beim 136-taktigen Es-Dur-Vorspiel gewährt Jäkel einen schmalen, bühnenbreiten Sehschlitz, auf den Falko Sternberg Videoprojektionen tropfenden Wassers wirft. Dann sieht man auf dem Grund des Rheins ein Riesenauge, in dem die Rheintöchter mit Plastikbällen herumtollen und tadellos dazu singen (Woglinde: Gloria Rehm, Wellgunde: Marta Wryk und Flosshilde: Silvia Hauer). Die Botschaft: Der Zuschauer ist Voyeur und sieht zu, wie der Götterkrimi um die Eroberung von Geld, Gold und Geltung in der Welt ihren Lauf nimmt. Und das Sprichwort "Hüten wie einen Augapfel" bekommt hier eine tiefere Bedeutung. Denn eben dieses Augapfels bemächtigt sich der garstig behaarte Alberich, stimmgewaltig und ausdrucksstark gesungen von Thomas de Vries. Unter der hellen Kugel legt er eine gülden sprudelnde Konfettikanone frei: Das Rheingold.

Nicht besonders sinnig passt der Krimi-Einstand zum anschließend aufgefahrenen Beduinenzelt der Götternomaden, in denen ein frustrierter Wotan samt mesopotamischer Sippe auf Umzugskisten und Tierfellen herumhockt. Warum Laufenberg die nordische Sagenwelt in die Übergangsepoche vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit verlegt, warum Walhall einer griechischen Akropolis gleicht und die Riesen mit Tatarenkluft ausgestattet sind (Kostüme: Antje Sternberg), bleibt nebulös. Nur eine Aktualisierung hält die Regie bereit: Als Alberich sich in den Riesenwurm verwandelt, zucken Videosplitter von Bomben, glitschigen Innereien, Echsenteilen und Donald-Trump-Bildern über die Projektionsfläche.

Star im Sängerring ist ohne Zweifel der Loge Thomas Blondelles. Grandios die hinterlistige Agilität seines Spiels, hoch auftrumpfend sein durchschlagender Tenor. Gleichfalls stimmstark überzeugte der Donner Benjamin Russels und Albert Pesendorfer als verliebter Fasolt. Enttäuschend dagegen der Wotan Gerd Grochowskis, dessen nobles Timbre seine monotone Intonation nicht wettmachen konnte. Ganz anders Ehefrau Fricka, der Margarete Joswig stimmlichen Glanz verlieh sowie die überzeugenden Leistungen von Betsy Horne als Freia und Romina Boscolo als schamanenhafte Erda. Hausfaktotum Erik Biegel verführte als Mime mit schrulligem Witz und klarer Diktion, während Aaron Cawley seinen Froh textunverständlich sang.

Im Orchestergraben dirigierte der Brite Alexander Joel das hessische Staatsorchester präzis, aufmerksam und sängerfreundlich, zeigte aber bei den dramatischen Tableaus zu wenig Leidenschaft und führte die Musiker insgesamt wie mit angezogener Handbremse.

(Von Bettina Boyens)

Mehr zu diesem Thema:

Beifall und Bravos für Wiesbadener "Rheingold"
(13.11.2016 – 23:58 Uhr)

Weitere Artikel zum Staatstheater Wiesbaden

Link:

http://www.staatstheater-wiesbaden.de

© MUSIK HEUTE. Alle Rechte vorbehalten – Informationen zum Copyright

Mehr zu diesen Schlagwörtern: , , , , , , , ,
Print Friendly
Andere Beiträge