"Semiramide" an Bayerischer Staatsoper: Musiker retten schwache Regie

13. Februar 2017 - 11:41 Uhr

München (MH) – Funkelnde Koloraturen in jeder Bühnenecke, ein vor Einfällen strotzendes Regiekonzept, das die nicht eindimensionale Handlung zusätzlich verkompliziert, dadurch eine nachvollziehbare Aussage dazu verpasst und ein glänzend facettenreich spielendes Staatsorchester – das ist die Neuproduktion von Gioachino Rossinis "Semiramide". Am Sonntagabend hatte Rossinis letzte für Italien komponierte Opera Seria in der Bayerischen Staatsoper Premiere, und das Publikum bejubelte vor allem die Musiker. Kein Wunder – Münchens "Semiramide" ist vor allem hörenswert.

"Semiramide"

"Semiramide"

Regisseur David Alden zeigt bilderbogenartig Assoziationen zu einer machtbesessenen mordenden, dann angstbesetzten Herrscherin von Babylon, deren Entourage über zwei Akte intrigiert, bis ihr totgeglaubter Sohn als neuer König feststeht. Bis dahin gibt es im Rhythmus auf den Knien rutschende, Turban tragende Vorbeter, eine Baalstatue mit optischer Leninverwandtschaft und Glühdrahtherz, jede Menge Soldaten in bunter Diktaturarmeeoptik und die üblichen Videos im Großformat. Besonders ärgerlich, dass sie stellenweise die Musik konterkarieren. Die Räume spielen mit dunklen holzgetäfelten Sockelzonen unter hellfarbigen Wänden und großformatigen, geschönten Familienbildern – in diesen muffig- bedrohlichen Büros entwickelt sich nichts Gutes. Jede Menge Eindrücke, kaum Erkenntnis – eine schwache Bilanz.

Aber Joyce DiDonato singt hier erstmals die Titelrolle, und das macht sie (natürlich, die Mezzokoloraturkönigin) technisch brillant und emotional berührend. Noch mehr Raum, nämlich für einen künstlerischen Rieseneindruck, lässt ihr das Regiegewusel nicht.

Das Kollegenteam um sie herum hat durchaus auch DiDonatos Klasse. Als früherer Geliebter Assur überzeugt Alex Esposito, Daniela Barcellona als totgeglaubter Sohn Arsace liefert in Duetten mit DiDonato Rossini-Glanzminuten. Lawrence Brownlee als indischer Prinz Idreno zwirbelt fantastische Tenor-Sechzehntelreihen.

Der Rückhalt der Premiere ist Michele Mariotti am Pult, der im Verlauf des Abends dem Staatsorchester immer feinere und farbenreichere Nuancen entlockt und immer sicherer Zusammenhänge und Höhepunkte entwirft. Zuverlässig aufmerksam trägt er das Ensemble auf der Bühne, mit Überblick steuert er auf die wichtigen Szenen zu. Ihm ist es zu verdanken, wenn sich der Besucher im Werk zurechtfindet und Rossinis wandelbare Phrasen realisiert. Im Staatsorchester glänzen auch immer wieder Sololeistungen – die Musiker folgen Mariotti hörbar fröhlich. Musikalisch ist diese Produktion – rund 150 Jahre nach der letzten Neuinszenierung – bei der Premiere ein Erfolg.

(Von Martina Kausch)

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