Naganos ausgeklügelte Neufassung von Bergs "Lulu": Vor allem das Ende überrascht

13. Februar 2017 - 11:07 Uhr

Hamburg – Es ist fast zu einem Glaubenskrieg geworden, in welcher Form man Alban Bergs Opern-Fragment "Lulu" auf die Bühne bringt. Ob als echten Torso mit angeklebter Ersatzmusik aus der "Lulu-Suite" oder in Friedrich Cerhas üppiger Orchestrierung des unvollendeten Schluss-Akts. Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano entschied sich mit Jochen Neurath als Bearbeiter für ein rigoroses Neu-Arrangement, das in seiner Kühnheit bestechend war. Dafür gab es am Sonntagabend in der Staatsoper begeisterten Applaus.

"Lulu"

"Lulu"

Nagano ließ den Schluss-Akt der Oper nach der allein vorhandenen Partitur-Skizze ganz ohne großes Orchester, nur von einer Geige und zwei Klavieren, in einer extrem ausgedünnten Kammer-Version von der Bühne herab spielen. Theater auf dem Theater, mit nur wenigen Farbzusätzen garniert. Das wirkte originell, zuweilen aber klanglich auch etwas flach und beiläufig.

Erst nach Lulus Ermordung durch Jack the Ripper im Londoner Elendsquartier trat das Philharmonische Staatsorchester – mit Veronika Eberle als glänzender Solistin – wieder in Aktion und beschloss den Premieren-Abend ebenso frappierend wie bewegend mit Bergs berühmtem Violinkonzert, das er als Requiem für Alma Mahlers Tochter Manon geschrieben hatte.

Das war ein bedeutungsvoller Brückenschlag zwischen zwei grandiosen Werken, an denen der Komponist vor seinem Tod 1935 noch gleichzeitig gearbeitet hatte. Da korrespondierte plötzlich das leidenschaftliche "Mein Engel", das Gräfin Geschwitz am Schluss der Oper der sterbenden Lulu zuruft, aufs Schönste mit Bergs Widmung "Dem Andenken eines Engels" über seinem Violinkonzert.

Lulu also als Engel? Nicht als Ungeheuer oder männermordendes Schlangen-Weib? Für Christoph Marthaler war sie vor allem ein unendlich leichtfüßiges Wesen, flippig und nervös bis zum Exzess, ewig tänzelnd und marionettenhaft sich verrenkend, als wolle sie mit ihren bizarren Sprüngen Himmel und Hölle stürmen. Hinreißend, wie die kanadische Sängerin Barbara Hannigan mit fast gefährlicher artistischer Gelenkigkeit und sängerischer Bravour diesem Luft-Geist ekstatisch Leben gab.

Christoph Marthaler hat die beiden Berg-Werke in Anna Viebrocks zwischen Fitness-Bude, Zirkus, Variété und bürgerlichem Salon wechselnden Bühnen-Räumen als surrealistisch verrätseltes Traum-Spiel inszeniert. Das machte Effekt, ehe es sich in einer sanften Monotonie verlor, die auch Lulus vier Doppelgängerinnen mit einfing.

Nagano als Anführer dieses ehrgeizigen "Lulu"-Experiments überzeugte rückhaltlos. Sein Dirigat an der Spitze der vorzüglichen Philharmoniker hatte Tempo, Frische, Klangfülle und einen wunderbar schwelgenden Melodienfluss. Besonders gefeiert wurden neben Barbara Hannigan auch Jochen Schmeckenbecher als Dr. Schön und Anne Sofie von Otter als Gräfin Geschwitz.

(Von Barbara Sell, dpa/MH)

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(13.02.2017 – 00:13 Uhr)

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