Dirigent Andris Nelsons: "Wir wollen voneinander lernen, auch mit dem Publikum"

02. März 2017 - 09:31 Uhr

Boston/Leipzig – Andris Nelsons gilt als einer der renommiertesten Dirigenten der Welt. Seit 2014 ist der Lette Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra. Ab der Saison 2017/18 wird er zudem Gewandhauskapellmeister in Leipzig – und hat große Pläne, wie er im Interview der Deutschen Presse-Agentur sagt. Der 38-Jährige will beide Orchester so eng zusammenbringen wie noch nie – gerade auch in Zeiten von Trump.

Frage: Woher kam die Idee der Kooperation zwischen den beiden Orchestern und was wollen Sie damit erreichen?

Andris Nelsons

Andris Nelsons

Antwort: Für mich ist die Qualität der Musik immer genauso wichtig wie die Chemie zwischen den Menschen im Orchester und die Aussicht, dass man gemeinsam arbeiten und wachsen kann. Ohne diese Chemie geht gar nichts. In Boston ist das fantastisch, und dasselbe Gefühl hatte ich, als ich das erste Mal als Gastdirigent nach Leipzig kam. Und dann kam dieses unglaubliche Angebot, Gewandhauskapellmeister zu werden. Das Team und ich haben dann sofort über die Idee einer Zusammenarbeit mit Boston gesprochen, weil es auch so viele historische Verbindungen zwischen den Orchestern gibt – und wir entdecken ständig mehr. Das entstand ganz organisch, und beide Teams sind sehr enthusiastisch und können es gar nicht mehr abwarten, mit der Kooperation anzufangen. Wir wollen voneinander lernen und die verschiedenen Ideen und Kulturen erkunden, auch gemeinsam mit dem Publikum.

Frage: Wie unterscheidet sich das Publikum in Boston und Leipzig?

Antwort: Musik ist ja eine globale Sprache und geht über Nationalitäten hinaus, das hat etwas sehr verbindendes, ob in Boston, Leipzig oder sonstwo. Boston ist eines der kulturellen Zentren der USA, das Publikum ist gebildet und kultiviert, manche Zuschauer kommen seit Jahrzehnten regelmäßig. Wir haben eine starke Bindung. Und Leipzig ist eines der kulturellen Zentren Europas. In beiden Städten sind die Menschen sehr stolz auf ihre Weltklasse-Orchester, da sind sie sich sehr ähnlich. In anderen Städten, wie etwa New York oder Berlin, ist das anders.

Frage: Wie sehen Sie Ihre Rolle in diesen politisch turbulenten Zeiten?

Antwort: Musik hat die Macht und die Energie, Menschen zusammenzubringen, gerade auch in Zeiten wie diesen, wo neue Mauern gebaut werden sollen. Wir haben die Kooperation zwischen Boston und Leipzig natürlich vor der US-Wahl und unabhängig davon auf den Weg gebracht. Aber sie soll auch zeigen, wie man gleichzeitig stolz auf ein eigenes Orchester und seine eigene Kultur sein und sich für die anderen interessieren kann.

Frage: Was ist Ihre Vision für Leipzig?

Antwort: Eine Kombination aus vielem. Es ist ein Orchester mit so einer großartigen Tradition, es ist für mich eine große Aufgabe und Ehre, diese Tradition wertzuschätzen und fortzuführen – und sie vielleicht auch noch zu noch mehr und anderen Zuschauern zu bringen. Da sprechen wir schon drüber. Ich möchte das Beste von mir nach Leipzig bringen, wunderbare Stücke aus der Vergangenheit spielen, aber gleichzeitig auch innovative Momente einbauen. Das Orchester hat ja einen Ruf weltweit, wir werden es auf Tourneen präsentieren und CD-Aufnahmen machen. Aber schon jetzt, wann immer ich in Leipzig zum Beispiel in einen Supermarkt gehe, werde ich erkannt. Letztens in einer Apotheke hat mich die Frau hinter dem Tresen so merkwürdig angeschaut und ich dachte schon, es stimmt irgendwas nicht, und dann hat sie gesagt: "Ich komme zu Ihrem Konzert."

Frage: Boston, Leipzig, Ihre Heimatstadt Riga, Ihre Familie – wie wollen Sie das alles logistisch organisieren?

Antwort: Jeder hat seine Prioritäten – und seine Grenzen. Meine Priorität ist natürlich meine Familie, aber jetzt, wo ich eine amerikanische und eine europäische Basis haben werde, wird das auch meiner Familie helfen. Die Orchester in Leipzig und Boston sind wie meine musikalische Familie. Ich werde weniger als Gastdirigent tätig sein, und das wird alles planbarer machen. Meine Frau ist als Sopranistin ja berühmter als ich, ich bin so stolz auf sie, und meine Tochter ist noch viel berühmter. Nachher sehe ich sie. Sie ist fünf und liebt gerade alles, was glitzert und glänzt, also werden wir ihr so etwas kaufen und dann spazierengehen und spielen.

(Interview: Christina Horsten, dpa)

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http://www.bso.org

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