Jonas Kaufmann: "Ich habe kein bisschen Nervosität"

09. März 2017 - 12:43 Uhr

München – Krankheitsbedingt musste Jonas Kaufmann (47) einige Monate pausieren. Ein Hämatom auf den Stimmbändern zwang den Tenor zur Bühnenabstinenz. Mitte Januar meldete er sich zurück, als "Lohengrin" in Paris. Und an diesem Sonntag singt er an der Seite von Anja Harteros die Titelrolle in der Umberto-Giordano-Oper "Andrea Chénier" in einer Regie von Philipp Stölzl. Es ist die erste Neuinszenierung dieser Oper in der Geschichte des Hauses. Im Interview spricht Kaufmann über sein Comeback und seine Wünsche für die Bayerische Staatsoper.

Frage: Philipp Stölzl ist Film-Regisseur. Ist das bei der Arbeit bereichernd oder manchmal störend?

Jonas Kaufmann

Jonas Kaufmann

Antwort: Es ist insofern ganz sicher bereichernd, als er Vertrauen in Bilder und ein unglaublich genaues Auge hat. Für ihn läuft das eben wie in einem Film ab. Was man noch merkt, ist der Wunschgedanke, innerhalb von Sekunden das Bühnenbild zu wechseln und einen sauberen Schnitt zu haben – ohne Vorhang oder Dunkelheit. Das ist natürlich schwer umzusetzen, da gibt es nun mal technische Grenzen. Er zoomt immer rein und man merkt, wie er das Auge des Zuschauers auf die kleinen, magischen Momente auf der Bühne lenken will.

Frage: Sie sind kein Fan davon, in der Oper immer zwanghaft moderne, politische Bezüge herzustellen, oder?

Antwort: Es kommt immer auf das Wie an. Ich finde es sehr richtig, wenn man diese Kunstform auch heute noch dazu benutzt, um Kritik zu üben. Aktuelle Bezüge helfen dem Publikum natürlich, die Situation besser zu begreifen. Ein Problem, das irgendwelche Menschen vor 250 Jahren hatten, berührt mich weniger als das, was gerade jetzt passiert. Es ist nur so, dass es manchmal in der Umsetzung zu sehr quer gebürstet ist und die Musik wie ein Fremdkörper wirkt, weil sie nicht mehr zu den Bildern passt. Die Musik darf keine andere Geschichte erzählen – dazu ist Oper nicht da.

Frage: Sie und Anja Harteros sind ein eingespieltes Team, bestreiten nun schon die vierte Münchner Opernpremiere zusammen. Wie wichtig ist persönliche Sympathie in der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern?

Antwort: Wir sind natürlich alle Profis und irgendwie muss man mit jedem können, weil das einfach dazu gehört. Aber es ist ja in jedem Beruf so, dass es mehr Spaß macht, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die man mag. Ich bin in der glücklichen Situation, mir ein bisschen aussuchen zu dürfen, was ich mache. Und warum sollte ich nicht lieber mit Leuten zusammenarbeiten, mit denen es mehr Spaß macht? Ich glaube, das muss auch erlaubt sein.

Frage: Fällt es Ihnen schwerer, in der Zusammenarbeit Kritik zu üben, wenn Sie die Kollegen mögen?

Antwort: Das Gegenteil ist der Fall. Ich glaube, wenn man jemanden sehr gern mag und sehr gut kennt, kann man sich erlauben, mehr Dinge zu sagen. Singen ist bis zu einem gewissen Grad Exhibitionismus, weil man sehr viele eigene, persönliche Gefühle in die Waagschale wirft. Je mehr man eine Rolle interpretiert, desto weiter wagt man sich aufs Glatteis und da ist man empfindlicher. Man steht auch durch den Sog der Musik so unter Strom, ist so mit Adrenalin vollgepumpt, dass man auch mal überreagiert. Da ist es schon sehr gut, wenn man jemanden an seiner Seite weiß, der einen notfalls bremsen würde. Das wäre bei jemandem, den man nicht gut kennt, schwer, weil man Gefahr läuft, die ganze Atmosphäre zu vergiften.

Frage: Sie haben gesagt, Singen sei Exhibitionismus und da dürfe Ihnen nichts peinlich sein. Wann war Ihnen zum letzten Mal auf der Bühne etwas peinlich?

Jonas Kaufmann

Jonas Kaufmann

Antwort: Mir ist es peinlich, wenn ich in einer Produktion mitwirke, bei der ich am liebsten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, weil ich denke: Das merkt doch jeder, dass das nix ist. Das ist mir schon peinlich. Aber in dem Moment, wo ich selber mit Feuer und Flamme dabei bin, ist mir alles egal. Wenn ich an meine Schulzeit und meine ersten Schritte auf der Bühne zurückdenke: Da war mir alles peinlich. Ich hatte schreckliche Lampenfieber-Schübe und das war wirklich furchtbar. Aber das legt sich in dem Moment, in dem man Sicherheit und Vertrauen in seine Stimme gewonnen hat. Heute trete ich auf die Bühne und fühle mich wie zu Hause. Ich habe kein bisschen Nervosität. Dann kann man auch aus sich rausgehen und Sachen wagen, ohne das ständig zu reflektieren. Aber das ist natürlich nur das Ergebnis von so viel positivem Feedback.

Frage: Merken Sie, dass Sie nach Ihrer krankheitsbedingten Pause etwas vorsichtiger geworden sind? Nehmen Sie sich zurück?

Antwort: Bei den ersten Auftritten, die ich danach wieder absolviert habe, habe ich vielleicht schon ein bisschen mit angezogener Handbremse gesungen – oder mit mehr Klugheit, weniger spontan und weniger aus dem Vollen schöpfend. Das hat sich aber schon wieder gegeben, und gerade bei einem Stück wie diesem hat man gar keine Chance, sich zurückzuhalten. Das ist so wild und stimmlich so fordernd. Das kann man – Gott sei Dank – nicht berechnender machen.

Frage: Im Juni geben Sie in London Ihr Debüt als "Otello". Spielt das in Ihrem Hinterkopf schon eine Rolle?

Antwort: Ich weiß, dass das diese Spielzeit noch kommt, aber mehr auch nicht. Ich habe bisher nicht vor, auf den "Otello" zu sparen, auf keinen Fall. Es ist noch genug Zeit dazwischen.

Frage: Sind Sie da denn ein bisschen nervöser?

Antwort: Vielleicht. Ich war ein bisschen nervöser beim "Lohengrin" in Paris, weil es der erste Auftritt nach so langer Zeit war. Da hatte ich schon die Angst im Hinterkopf, ob ich den Abend durchziehen kann oder ob man wieder Probleme bekommt. Das habe ich schon gespürt, dass ich vorher etwas energiegeladener war. Das ist eine positive Anspannung, die ich sonst kaum noch kenne, weil man das inzwischen ja so selbstverständlich nimmt. Das ist aber dann schnell weggegangen, weil ich gemerkt habe, dass ich nahtlos anknüpfen kann. Wenn ich es ein paar Mal versucht hätte und gescheitert wäre, wäre ich wahrscheinlich viel, viel nervöser gewesen.

Frage: Sie haben zur Bayerischen Staatsoper ein besonderes Verhältnis. Haben Sie einen Wunsch für die Zeit nach Kirill Petrenko und Nikolaus Bachler?

Antwort: Da sprechen Sie natürlich einen wunden Punkt an. Ich kann gut verstehen, dass die beiden Herren lieber gemeinsam aufhören als einzeln. Auf der anderen Seite müssen die Beiden auch verstehen, dass München dann in einer prekären Situation ist. Die Tendenz der letzten Jahre hat mir sehr gefallen, das muss ich klar sagen. Und der Erfolg spricht für sich. Ich hoffe jetzt sehr, dass die richtigen Weichen gestellt und die richtigen Leute angerufen werden, damit wir in diesem Fahrwasser weitergehen. Und das ist nicht einfach. Mehr als eine Handvoll Menschen, die das musikalisch auf dem gleichen Niveau fortführen wie Petrenko, fallen mir nicht ein – und die haben alle schon Jobs an anderen Häusern. Das wird sicher eine schwere Aufgabe werden. Ich würde gerne selber ein bisschen mit helfen und beeinflussen. Aber ich glaube nicht, dass mir das zusteht.

Frage: Hätten Sie selber mal Interesse an einer Intendanz?

Antwort: Die Frage ist fröhliche 20 Jahre zu früh gestellt. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es da überhaupt keine Überlegungen. Mich würde es auch reizen, über den zweiten Bildungsweg das Dirigieren anzufangen. Ich habe keine Lust, das zu machen, ohne wirklich zu wissen, wie das geht. Ich habe auch schon von vielen Leuten immer wieder gehört, ich solle doch mal Regie machen, weil ich immer viele Ideen habe und viel selbst in die Hand nehme, wenn ich merke, es läuft zäh. Aber so lange das mit der Stimme so gut funktioniert, stellt sich die Frage nicht.

(Interview: Britta Schultejans, dpa)

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