Uraufführung der Oper "Tschick" begeistert in Hagen

19. März 2017 - 12:06 Uhr

Hagen – Eigentlich ist es ein Ding der Unmöglichkeit, einen Text wie "Tschick " von Wolfgang Herrndorf auf die Opernbühne zu bringen. Hier tobt das pralle Leben, es findet sich ein grelles Panoptikum der menschlichen Schrulligkeiten und gesellschaftlichen Tabus, der gescheiterten Lebensentwürfe und des Aufbruchs in eine ungewisse Zukunft. Herrndorf hat den Nerv einer ganzen Generation mit einer außergewöhnlichen Mischung aus Witz und Dreistigkeit getroffen und zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Das dramaturgische Tempo ist rasend, die Probleme, die es mit den Mitteln der Oper zu lösen gilt, sind erdrückend.

"Tschick"

"Tschick"

Am Theater Hagen versucht man sich in der gleichnamigen Oper zumindest daran. Das rasante Tempo des Buches hat man für die Bühne adaptiert: Im Libretto von Tiina Hartmann wird der Text gestrafft und der dramaturgische Bogen komprimiert. Das hat durchaus etwas Zeitgeistiges, was dem Buch entspricht: schnelle Schnitte, rasante Bildwechsel, temporeiche Action. Die Reaktion des Premierenpublikums am Samstagabend war begeistert, aber nicht enthusiastisch.

In den gut zwei Stunden Spieldauer werden 29 Szenen abgearbeitet. Manche dauern nur Sekunden. Reflektierende Momente, in denen oft der Chor als übergeordnete gesellschaftliche Instanz ins Spiel kommt, gibt es nur selten. Und wenn es sie gibt, dann sind sie genauso wie alle Szenen ratz fatz vorbei.

Das ist auch das größte Manko dieser eigentlich unterhaltsamen und kurzweiligen Oper. Schon der Filmversion von Fatih Akin wurde vorgeworfen, Herrndorfs Text nur allzu brav zu bebildern. Komponist Ludger Vollmer und Librettistin Hartmann tappen leider in die gleiche Falle. Denn obwohl das Libretto den Text sprachlich gekonnt verdichtet – das dramaturgische Grundproblem einer genuin operngerechten Realisierung des temporeichen Originaltextes löst es nicht. Zu sehr will man das dramaturgische Tempo des Romans auf Opernformat trimmen, zu wenig besinnt man sich dabei jedoch auf die besonderen Stärken dieses Formats.

Vollmer, mit seinen Opern zu "Gegen die Wand " und "Lola rennt " ein Spezialist für filmisch gedachte Genres, hüllt das Libretto in ein durchaus gefälliges Klanggewand. Sein Stil ist stets polyglott, musikalisch ungeheuer vielseitig, stilistisch anpassungsfähig. Romantisch angehauchte Kantilenen findet man hier genauso wie schrille Tonmalerei, humorvoll Parodistisches und mal mehr, mal weniger subversive Provokationen. Nur selten jedoch vermag die Musik die Atmosphäre in einer kongenialen Art und Weise zu verdichten, dass jener Theaterzauber entsteht, der das Genre Oper auszeichnet. Das in "Tschick " zu hörende handwerkliche Können Vollmers und seine aus der Konzeption des Werkes sprechende Erfahrung sind unbestritten, wirklich überspringen kann der Funke jedoch nur selten.

Roman Hovenbitzer, der Regisseur des Abends, findet wie so oft originelle Lösungen für die vielfältigen szenischen Herausforderungen dieses Stoffes und dirigiert das temporeiche Bühnengeschehen mit geübter Hand. Viel wird mit Projektionen gearbeitet, mit Lichteffekten und szenischen Andeutungen. Das angesichts der zuweilen phonstarken Musik gelegentlich verstärkte Ensemble löst alle Aufgaben mit Bravur, schauspielerisch wie sängerisch, allen voran die überragenden Hauptdarsteller Andrew Finden als Maik und Karl Huml als Tschick. Auch Kristine Larissa Funkhauser als Isa hinterlässt einen großartigen Eindruck, ebenso wie die zahlreichen gut besetzten Nebenrollen und der Chor nebst Extrachor des Theaters Hagen.

Das Philharmonische Orchester Hagen erweist sich unter der Leitung von Florian Ludwig, der stets alle Fäden sicher in der Hand hält, als überaus versatiler Klangkörper, der das ganze musikalische Spektrum von Pop-Anklängen bis hin zu modernistischen Attacken gekonnt zu bedienen weiß.

(Von Guido Krawinkel, dpa/MH)

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