Intendant Bachler: Bayerische Staatsoper "ist stärker als wir alle"

02. April 2017 - 17:03 Uhr

München – Die Bayerische Staatsoper in München geht mit ihrem neuen Programm auf die Suche nach den kleinen Verletzungen im Alltag. "Zeig mir deine Wunde" ist das Thema der Spielzeit 2017/18. Mit dabei ist auch der Künstler Georg Baselitz – für Opernintendant Nikolaus Bachler ein großer Wunsch, der sich nun erfüllt. Er hofft auf neue Impulse für sein Haus. "Es ist wichtig, dass man nicht nur in seiner eigenen Metiersuppe kocht", sagte Bachler im Interview der Deutschen Presse-Agentur in München anlässlich der Programmvorstellung am Sonntag.

Frage: Die erste Premiere wird Mozarts Oper "Figaros Hochzeit" sein, in der ein Graf um die Zuneigung einer Kammerzofe wirbt. Wie passt das zum Thema der Spielzeit "Zeig mir deine Wunde"?

Nikolaus Bachler

Nikolaus Bachler

Antwort: "Zeig mir deine Wunde" ist eines der Grundthemen der Kunst, das heißt nichts anderes als "Hab Vertrauen, sei mutig, öffne dich, sei wahrhaftig". Da gibt es viele Verbindungen innerhalb der Werke, die wir machen. Das beginnt bei Figaro. Man sagt heute, es gibt keine Klassen mehr. Ich finde, es gibt stärkere Klassen denn je. Die haben sich nur verschoben. Es sind weniger Standesklassen als ökonomische Klassen, die sich geradezu galoppierend radikalisieren. Daraus entstehen die Verletzungen und gesellschaftliche Spannungen.

Frage: Wie wichtig sind Ihnen solche Denkanstöße?

Antwort: Es lohnt sich, am Theater nachzudenken. Es lohnt sich, eine Haltung zu haben. Und es lohnt sich, etwas mitzuteilen und nicht den angenehmen Erlebnisabend zu bieten, sondern etwas zu wollen. Es ist ein großer Irrtum, dass man meint, man braucht Highlights. Man muss die Menschen neugierig machen auf das Gesamte eines Hauses. Das Allerwichtigste für ein lebendiges Theater ist, dass die Menschen sich zugehörig fühlen und dass es ihr Ort ist. Dass es weder eine Touristenbude noch ein Eventpalast ist, sondern dass man spürt, man bekommt etwas, das einen Stellenwert für das eigene Leben hat.

Frage: Die Opernfestspiele 2018 werden mit "Parsifal" eröffnet, das Bühnenbild dazu kommt vom Künstler Georg Baselitz. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm?

Antwort: Der ganze optische Auftritt der Saison gehört Baselitz. Es war mein Wunsch, mit ihm zu arbeiten, und wir kamen ganz schnell auf 'Parsifal'. Die Zusammenarbeit ist wunderbar. Baselitz ist wie alle großen Künstler absolut neugierig. Und ein Maler gibt uns auch ganz andere Impulse für unsere Arbeit. Es ist wichtig, dass man nicht nur in seiner eigenen Metiersuppe kocht.

Frage: Der Startenor Jonas Kaufmann sagte kürzlich, die Staatsoper werde in eine prekäre Situation kommen, wenn Sie und Chefdirigent Kirill Petrenko 2021 gleichzeitig gehen. Sehen Sie das ähnlich?

Antwort: Nein, ich glaube, das Theater ist stärker als wir alle. Das Haus ist in einem solch guten Zustand, und ich gehe davon aus, dass es eine gute Entscheidung über die Nachfolge geben wird. Es soll jemand auf diesem Niveau die Arbeit fortsetzen, aber es ganz anders machen als wir. Das wünscht man sich von der Kunst. Ich habe viele Theater geleitet, bin daher oft weggegangen, doch es ging immer weiter. Kunst ist wie die Natur, man kann sie vielleicht stören, aber nicht umbringen.

Frage: Es ist immer die Rede davon, dass junge Leute nicht mehr so leicht ins Theater zu locken sind. Gibt das Anlass zur Sorge?

Antwort: Wir machen sehr viel mit Kindern und Jugendlichen. Später verlieren wir sie, so mit 16, 17. Da kommt das Studium, die erste Freundin, das Ausgehen, die Disco. Aber mit 26, 27 kriegen wir sie wieder – wenn sie mal in Berührung mit dem Theater waren.

Frage: So schnell werden dem Theater also nicht die Zuschauer ausgehen?

Antwort: Ich habe nie um die Zukunft des Theaters gefürchtet. Im Gegenteil. Der Stellenwert wird stärker. Das Theater kann man auch mit einem Dorf vergleichen: man geht hin, man kennt einander oder lernt einander kennen, setzt sich mit einem Inhalt auseinander und findet zu einem gemeinsamen Erlebnis. Die Sehnsucht nach diesem Miteinander wird immer stärker, denn die Vereinzelung der Menschen nimmt zu. Sie sitzen im Bus oder im Zug, sie warten aufs Flugzeug und alle blicken nur auf ihr Handy. Man möchte ihnen sagen, schau mal, wer da neben dir sitzt.

Frage: Was empfinden Sie eigentlich, wenn nach einer Vorstellung gebuht wird? Ärgert Sie das?

Antwort: Ich bin nur dann enttäuscht, wenn die Reaktion lau und indifferent ist, das ist das Schlimmste. Bei eindeutiger Ablehnung fängt man an, nachzudenken und nach dem "Warum?" zu fragen. Wenn es ein Kampf ist, ist es wunderbar – egal ob dafür oder dagegen. Dann merkt man, man hat die Leute erreicht, im Positiven wie im Negativen. Die Kunst ist eine Frage der Auseinandersetzung. Wenn man sehr klar und unverstellt handelt, dann müssen die Reaktionen widersprüchlich sein.

(Interview: Cordula Dieckmann, dpa)

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