Reanimierte Karajan-"Walküre" bringt mageren Erkenntnisgewinn

09. April 2017 - 11:59 Uhr

Salzburg – Angstvoll um sich schauend, wie von einer Hundemeute gehetzt, erstürmt Siegmund, angetan wie ein moderner Rucksacktourist, vom Zuschauerraum aus die Bühne, sucht Schutz am Fuße eines Baumriesen. Dort entfacht er ein wärmendes Feuerchen. Im Loch des Mammutbaums – groß wie ein Garagentor – erscheint dann kein Ranger des Sequoia-Nationalparks, der den Backpacker zur Ordnung ruft, sondern Sieglinde. Zwischen beiden entspinnt sich eine leidenschaftliche Liebe. So beginnt die erste Szene von Richard Wagners "Walküre", die am Samstagabend bei den Osterfestspielen Salzburg Premiere hatte.

"Die Walküre"

"Die Walküre"

Eine Verbeugung vor Herbert von Karajan, der das Festival vor 50 Jahren gegründet hatte. Als Eröffnungsinszenierung hatte er damals, im Jahr 1967, eben jene zweite "Ring"-Episode von Richard Wagner im Bühnenbild von Günther Schneider-Siemmsen präsentiert. Zum 50. Festivaljubiläum holten nun der Stardirigent Christian Thielemann und der Salzburger Geschäftsbesorger Peter Ruzicka diese Inszenierung aus der Mottenkiste und ließen es szenisch von der Regisseurin Vera Nemirova aufhübschen. Das mit einiger Spannung erwartete Experiment gefiel dem Premierenpublikum durchaus, das kurz aber heftig applaudierte.

Karajan war ein genialer Dirigent und Musikverkäufer. Einmal im Jahr versuchte er sich auch als Regisseur. Dafür hatte er mit den Osterfestspielen eine Art Privatfestival gegründet. Karajan inszenierte ganz aus dem Geiste der Musik, für Psychologie oder gar Politik auf der Bühne interessierte er sich nicht. Wie überliefert feilte er vor allem an der ausgeklügelten Lichtregie. Die Musik hatte er schon vorher auf Platte eingespielt. Die Sängerinnen und Sänger mussten sie sich fleißig anhören und waren mehr oder weniger selbst dafür verantwortlich, wie sie Ausdruck und Gestik gestalteten.

Diesen Mangel an Personenregie versuchte Nemirova wettzumachen, doch viel mehr als bedeutungsschwangeres Herumstehen kam dabei auch nicht heraus. Dafür garnierte sie die Retro-Inszenierung mit ein paar notorischen Versatzstücken des aktuellen Regietheaters: ein weißer Clubsessel für Wotan, ein hölzernes Steckenpferd für Brünnhilde – und Siegmund durfte sich eine Zigarette drehen. Beim finalen "Feuerzauber", mit dem Wotan seine untreue Tochter Brünnhilde auf dem Walkürenfelsen bannt, formierten sich die gefallenen Walhalla-Helden, die eher an Kanonenfutter erinnerten, zum Fackelzug. Ein Anflug von Gesellschaftskritik.

Eigentlich handelte es sich bei der angekündigten Karajan-"Rekreation" – die Regiebücher sind verschollen – um die Rekonstruktion des Bühnenbildes. Schneider-Siemssens Bühneninstallationen beeindrucken noch heute, vor allem die schräg gestellte, die ganze Bühne einnehmende Ellipse, die den Sängern als eine Art Laufsteg dient, beim Bruch Wotans mit Brünnhilde zerreißt und sich schließlich in eine Spirale verwandelt, mit dem Walkürenfelsen an deren Ende. Dahinter wabern bunte Spiralnebel wie beim Blick durch das Weltraumteleskop.

Musikalisch gab es wenig zu kritisieren. Der Tenor Peter Seiffert als Siegmund verfügt, obwohl bereits jenseits der Sechzig, noch immer über ein beeindruckendes Organ, das nur in der Tiefe etwas brüchig erscheint. Der schmächtige Bass Georg Zeppenfeld gab einen aasigen Hunding, der schweizerisch-ukrainische Bass Vitalij Kowaljow einen nur am Ende leicht schwächelnden Wotan. Die Krone gebührt den beiden Sopranistinnen Anja Kampe als Brünnhilde und Anja Harteros als Sieglinde, die ihre szenischen Rollendebüts mit Bravour meisterten.

Christian Thielemann am Pult seiner Sächsischen Staatskapelle aus Dresden verzichtete fast völlig auf dampfendes Pathos, setzte auf Durchhörbarkeit und Sängerfreundlichkeit. Selbst der Walkürenritt, einer der großen Reißer des klassisch-romantischen Repertoires, kam außerordentlich schlank daher. Vielleicht fiel der Applaus für den Maestro deshalb nicht ganz so enthusiastisch aus.

Der Erkenntnisgewinn der Vergangenheits-Befragung fiel insgesamt jedoch mager aus. Ja, visionäre Bildideen können auch nach Jahrzehnten noch überzeugen; ja, ein bisschen kluge Regie kann nicht schaden. Und dennoch: Die Wiederauferstehung alter Operninszenierungen, mögen sie auch legendär sein, sollte die Ausnahme bleiben.

(Von Georg Etscheit, dpa/MH)

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