Schleswig-Holstein Musik Festival: Intendant Kuhnt will Neugier des Publikums wachhalten

01. Juli 2017 - 10:33 Uhr

(Korrespondentenbericht)

Lübeck – Das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) erobert in diesem Jahr sogar die Hamburger Elbphilharmonie als neuen Spielort. "Die neun Konzerte dort waren sofort ausverkauft, die Menschen sind sehr neugierig auf das Haus", sagt Festivalintendant Christian Kuhnt. Eröffnet wird Deutschlands größtes Klassik-Festival am (heutigen) Samstag aber in dem mit Millionenaufwand sanierten Konzertsaal der Lübecker Musik und Kongresshalle – mit Werken der französischen Komponisten Maurice Ravel (1875-1937) und César Franck (1822-1890). Das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Thomas Hengelbrock spielt Ravels Suite Nr.2 aus "Daphnis et Chloé" und sein Klavierkonzert in G-Dur sowie Francks Sinfonie d-Moll.

Maurice Ravel

Maurice Ravel

Die Komponisten-Retrospektive des Festivals ist in diesem Jahr Ravel mit 60 Konzerten gewidmet. "Ravel wird völlig zu Unrecht immer nur mit dem "Boléro" in Verbindung gebracht", begründet Kuhnt diese Wahl. In dem Werk des Franzosen mit baskisch-schweizerischen Wurzeln gebe es unendlich viel zu entdecken. "Ravel hat zum Beispiel früh die Bedeutung des Jazz für die Musik des 20. Jahrhunderts erkannt. Das ist in vielen seiner Kompositionen zu hören", sagt Kuhnt. Am 3. Juli wird das Orchestre National des Pays de la Loire einen Konzertabend in der Elbphilharmonie mit Ravels "Boléro" krönen.

Das Solistenporträt des SHMF gestaltet der preisgekrönte israelische Mandolinenvirtuose Avi Avital. "Er hat ein Programm mit 20 Konzerten zusammengestellt, das die ganze Vielseitigkeit des Instruments zeigt – vom Jazz bis zur zeitgenössischen Musik", versichert Kuhnt. Einer der Höhepunkte: die Uraufführung von zwei Stücken für Streichquartett und Mandoline (7. Juli in Kiel, 8. Juli in Lübeck). Geschrieben hat sie der Düsseldorfer Klangtüftler Hauschka, der in seine Kompositionen auch Alltagsgegenständen wie Butterbrotpapier oder Tischtennisbälle einbezieht. In der Elbphilharmonie gibt Avital mit dem Klarinettisten Giora Feidman als "Special Guest" ein Konzert.

Das SHMF wächst und wächst. 193 Konzerte gibt es, noch einmal zwölf mehr als im Vorjahr. Das sei ein ganz natürlicher Vorgang, so Kuhnt. "Unser Konzept ist es, das ganze Land zu bespielen, und wir entdecken immer wieder neue Orte, die es sich zu bespielen lohnt." Noch mehr Konzerte seien allerdings organisatorisch kaum zu bewerkstelligen

Insgesamt gibt es bis 27. August Festivalkonzerte an 107 Spielstätten – darunter Kirchen, Herrenhäuser, Reithallen – in 63 Orten in Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und in Sonderburg in Dänemark. Die Elphilharmonie ist nur ein Juwel. "Wir freuen uns aber auch sehr, dass der Konzertsaal der Lübecker Musik-und Kongresshalle wieder zur Verfügung steht. Dessen ohnehin schon gute Akustik ist durch die Sanierung noch besser geworden."

Seit Kuhnt 2013 die Leitung des SHMF übernommen hat, reiht sich ein Besucherrekord an den nächsten. "Ein Geheimnis unseres Erfolgs ist, dass wir die Neugier der Besucher auf das Programm und auf die Spielorte stets aufs neue wecken", sagte er. Das Publikum sei sehr offen und experimentierfreudig und lasse sich auch bereitwillig auf Neues ein. "Der Vorverkauf läuft sehr gut, wir hoffen, dass wir auch in diesem Jahr wieder 150 000 Besucher erreichen", sagt Kuhnt.

Breiten Raum nimmt auch wieder die Nicht-Klassik ein. Der Schauspieler Axel Prahl mit seinem Inselorchester, der frühere Supertramp-Sänger Rodger Hodgson, Esther Ofarim oder Anna Depenbusch sind zum Beispiel beim Festival zu erleben. "Mit solchen Konzerten erreichen wir ein anderes, neues Publikum", betont Kuhnt. Der Eindruck, beim SHMF gebe es von Jahr zu Jahr mehr nicht-klassische Konzerte, sei relativ, sagt der Intendant. "Von den 193 Konzerten sind in diesem Jahr 60 aus dem nicht klassischen Bereich. 2013 gab es insgesamt nur 110 Konzerte, davon waren 30 nicht klassisch."

Für die internationale Orchesterakademie, 1987 von Leonard Bernstein gegründet, wurden diesmal aus 1.400 Bewerbern 120 junge Musiker aus aller Welt ausgewählt. Sie wohnen im Nordkolleg in Rendsburg. Seinen 30. Geburtstag feiert das Festivalorchester mit einem Festkonzert am 20. August unter der Leitung von Christoph Eschenbach auf der Kunstmesse NordArt in Rendsburg-Büdelsdorf. Premiere hat in diesem Jahr das neue Konzertformat "Zoom", bei dem das Publikum das Orchester aus nächster Nähe erleben kann.

Acht Meisterkurse an der Lübecker Musikhochschule sowie drei Konzerte des SHMF-Chores gehören ebenfalls zum Festivalprogramm. Beim Finale am 27. August in der Kieler Sparkassenarena wird der Chor vor tausenden Besuchern an der Aufführung von Carl Orffs gewaltigem Chorwerk "Carmina Burana" mitwirken.

(Von Eva-Maria Mester, dpa/MH)

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