Kosky: Wagner war ein Monster – Jordan: Ein Egomane

07. Juli 2017 - 12:15 Uhr

Berlin (MH) – Regisseur Barrie Kosky, der mit den "Meistersingern von Nürnberg" die diesjährige Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele inszeniert, lässt sich von den Verstrickungen des Wagner-Clans in der NS-Zeit nicht beeinflussen. "All die Geschichten über Bayreuth, das Vergiftete, spüre ich wenig", sagt der Australier in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Focus". "Ich denke nicht, Oh mein Gott, Wagner hat hier geschlafen, und dort saß Winifred mit Adolf Hitler. Wir machen hier Musiktheater, kein Wagner-Semiar."

Barrie Kosky

Barrie Kosky

Über den Komponisten Richard Wagner, der auch antisemitische Schriften verfasste, sagt Kosky, der Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin ist: "Unerträglich war er bestimmt, ein Monster. Aber ein Verbrecher? Er war kein Massenmörder, kein Pädophiler." Als Jude habe er lange gezögert, sich ausgerechnet den "Meistersingern" zu widmen, die von Nazis für ihre Parteipropaganda vereinnahmt wurden. "Ich spürte den Druck, dass ich auf meinen Schultern die ganze deutsche Identitätsproblematik in den Probenraum schleppen sollte." Später habe er entdeckt, dass das Stück "Wagners Sicht auf die deutsche Identität widerspiegelt." Sowieso sei Wagner ein genialer Komponist: "Wenn ich das Vorspiel vor dem dritten Akt höre, verzeihe ich Wagner alles."

Der Schweizer Dirigent Philippe Jordan, der die fünfstündige Aufführung leitet, bezeichnete sich im "Focus"-Interview als Wagner-Liebhaber, betonte aber, kein Wagnerianer zu sein. Bayreuth habe er "lange gemieden, weil ich befürchtete, dass da etwas Fanatisches ist." Bei den Proben stellte er jetzt fest, wie "schön es in Bayreuth ist, auf dem Land, inmitten von Feldern, Wäldern und Brauereinen. Total entspannt."

Jordan lobt die Darsteller, mit deren Qualität gerade das musikalisch komplexe Stück steht und fällt. "Das Schöne bei diesen Spitzensängern ist, dass sie nicht in Klischees oder Platitüden verfallen." Worte wie deutsch dürften eben nicht bombastisch oder gar martialisch gesungen werden. Wagner schätzt er so ein: "Wagner war kein Nazi, aber er war ein Antisemit. Vor allem war er ein Egomane."

(wa)

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