Bayreuth-Dirigent Philippe Jordan: "Man braucht Erfahrung mit dem Haus"

25. Juli 2017 - 09:40 Uhr

Bayreuth – Spaß und Wagner – geht das zusammen? Der Schweizer Dirigent Philippe Jordan findet: ja, unbedingt. Der 42-Jährige eröffnet am (heutigen) Dienstag mit "Die Meistersinger von Nürnberg" die Bayreuther Festspiele. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht er über die Harmonie mit Regisseur Barrie Kosky und über die Eigenheiten des berühmten Festspielhauses.

Frage: Sie debütierten vor fünf Jahren in Bayreuth, als Sie bei Stefan Herheims "Parsifal" im letzten Aufführungsjahr dirigierten. Wie ist es, jetzt zurückzukehren?

Philippe Jordan

Philippe Jordan

Antwort: Toll, ganz wunderbar. Ich hatte den Einstieg mit dem leichtesten Stück an diesem Haus, das eigens für dieses Haus geschrieben wurde. Und jetzt bin ich hier mit dem schwierigsten Stück. Bei den "Meistersingern" herrscht ein ganz anderer Geist als beim Bühnenweihfestspiel "Parsifal". Wir haben wahnsinnig viel Spaß – mit einer tollen Besetzung, einem tollen Regisseur, vom Orchester brauche ich gar nicht zu reden, die Musiker kennen und lieben diese Musik. Aber ich bin froh, dass ich diesen "Parsifal" 2012 gemacht habe, denn man braucht eine gewisse Erfahrung mit dem Haus, wenn man mit den "Meistersingern" hier anfängt.

Frage: Was macht es so kompliziert, hier im Festspielhaus die "Meistersinger" aufzuführen?

Antwort: Wir haben hier diesen mystischen Graben mit diesem speziellen "Parsifal"- und "Ring"-Klang. Und die "Meistersinger" – das ist ja eher eine Handwerker-Musik im Sinne von Bach – Kontrapunkt, Choräle, Fugen. Und die Oper steht in der Tradition der deutschen Spieloper. Man muss diesen Stil heraushören. Das Orchester darf dieses Stück nicht so spielen wie beispielsweise "Tristan und Isolde". Man muss viel mehr nach dem Text der Sänger gehen, man muss auch mit den Sängern viel mehr am Text arbeiten, an den Nuancen, an den Farben, an der Dynamik, am Subtext, anstatt an den großen Linien und Bögen. Das ist viel kleinteiliger, es geht Takt für Takt – und rauscht nicht in diesen großen Wagnerschen Wellen. Das ist feiner, das ist kleiner. Und an diesen Feinheiten muss man sehr viel arbeiten. Es ist ein Theaterstück, es ist eine Komödie. Ich behaupte, es ist die beste deutsche Komödie, die je geschrieben wurde. Der Text ist auch sehr gut, den könnte man auch ohne Musik spielen, weil er sehr poetisch ist, mit feinem Reim, mit Wortwitz und Geist, das schlägt sich auch in der Musik nieder.

Frage: Dann ist es also umso wichtiger, dass Sie jetzt bei der Erarbeitung der "Meistersinger" von Anfang an bei der Entstehung der Produktion dabei sind?

Antwort: "Parsifal" war eine Wiederaufnahme, zum Glück aber auch ganz im Geist des Stückes inszeniert. Aber bei den "Meistersingern" ist es essenziell, dass Regisseur und Dirigent gut zusammenarbeiten. Selbst wenn wir unterschiedliche Ansätze haben, wir müssen in die gleiche Richtung gehen und wissen, wie wir das Stück zum Klingen bringen. Deshalb ist es essentiell, dass ich bei den Proben von Anfang an dabei war. Natürlich haben Barrie Kosky und ich schon im Vorfeld viel gesprochen, damit wir eine gemeinsame Linie finden. Wenn ich musikalisch etwas mache, unterstützt er das szenisch; wenn er eine szenische Idee hat, kann ich das sofort musikalisch umsetzen. Und auch die Sänger machen mit. Das ist unglaublich bereichernd.

Frage: War es von Anfang an so, dass die Chemie zwischen Ihnen und Barrie Kosky gestimmt hat?

Antwort: Wir haben lange einen geeigneten Regisseur gesucht – und mit Barrie war mir nach einem Treffen klar: Das ist ein Theaterhandwerker mit viel Geist und viel Witz. Er macht viel Musical und Operette, er hat diesen Sinn, den es dafür braucht. Er kann den Job, er kann Personen sehr gut führen. Und ohne zu wissen, wie er das Konzept anlegen würde, habe ich im Gespräch gemerkt: Das ist einer, der Theater versteht und der Oper versteht. Und das nicht im routinierten Sinne, sondern mit einem Drang, etwas zu kreieren.

Frage: Sie arbeiten an renommierten Häusern und mit renommierten Orchestern zusammen. Ist Bayreuth trotzdem noch immer etwas Besonderes in der Klassik-Welt?

Antwort: Bayreuth ist anders: Schon das Haus an sich mit der Akustik. Und Orchester und Chor mit Musikern, die hier ihre Sommerferien verbringen, weil sie diese Musik lieben und auswendig kennen. Und dann – hier in der Natur zu spielen, abseits vom Stress und der Lautstärke einer Großstadt: Man kann sich hier dem Werk mit einer großen Entspanntheit widmen. Die Probenbedingungen sind hervorragend.

Frage: 2012 vor Ihrem "Parsifal"-Dirigat sagten Sie, nach Bayreuth sei man ein anderer Dirigent. Stimmt das?

Antwort: Absolut. Und nach diesem Jahr wieder. Man muss hier seine Technik noch einmal komplett anpassen. Wagner war der erste große Dirigent seiner Zeit. Wenn man dann in Bayreuth ist mit diesem Graben, mit diesen akustischen Verhältnissen, zwingt er uns noch einmal mehr, so zu denken, wie er als Dirigent gedacht hat. Das ist unglaublich spannend. Ich rede hier von technischen Sachen, aber es geht auch ins Musikalische. Als junger Dirigent ist man dazu geneigt, schnelle Passagen möglichst schnell zu spielen und langsame Passagen betont langsam, um möglichst viel Kontrast zu schaffen. Aber gerade das funktioniert in Bayreuth nicht. Gerade in diesem Festspielhaus muss man Schnelles herunterbremsen und langsame Stellen nie verschleppen. Das gilt dann genauso, wenn man später Brahms und Beethoven dirigiert.

Frage: Das heißt, man kann viel mitnehmen, wenn man einmal in Bayreuth gearbeitet hat?

Antwort: Auf jeden Fall. Ein Beispiel: der Bayreuther Klang – das Blech klingt hier ganz einfach anders. Die Frage ist: Liegt das nur am Graben oder ist das eine Realisierung eines anderen Klangbildes? Das ist gerade bei den "Meistersingern" interessant, wo das Blech sehr präsent ist und eine gewisse Leichtigkeit bekommt – und nicht diese deutsche Schwere, die dem Stück immer angedichtet wird. Natürlich ist es ein deutsches Stück, aber es ist kein nationales Stück. Es geht um Kunst, es geht um Menschen, um deren Schrulligkeiten, Nöte, Ängste und Freude. Es geht um Witz – das sollte nicht schwer und militaristisch gespielt werden. Denn es ist nicht ein deutsches oder ein Nürnberger Motiv, es ist das Meistersinger-Motiv. Das heißt, es geht um Gesang, es geht um Musik, es geht um Kunst. Die Ouvertüre ist deshalb keine Manifestation, es ist eine Einladung zu einem tollen Abend: Kommt mit, lasst uns singen, lasst uns des Lebens freuen.

Frage: Kann das hier funktionieren? Bayreuth wird ja immer ein gewisser Ernst unterstellt.

Antwort: Also wir lachen viel in den Proben. Für Barrie gilt das sowieso, aber auch für die Sänger und das Orchester – sie wollen Spaß haben. Und es wird ja auch deutlich, wenn ich sage: schaut, wir können "Meistersinger" hier nicht spielen wie "Tristan" oder die "Götterdämmerung". Das ist ein anderes Stück. Dafür sind alle sehr wach.

Frage: Barrie Kosky hat die Besetzung sehr gelobt. Wie sind Ihre Eindrücke?

Antwort: Das ist eine Traumbesetzung. Michael Volle ist ein Sachs, den man sich heute nicht besser vorstellen kann, mit großer Humanität, einem Sinn für Sprache, einem Sinn für Musik. Er ist nicht dieser Brüller-Sachs, er ist ein Gestalter. Bei Johannes Martin Kränzle ist es eine reine Freude, ihn als Beckmesser zu hören. Er ist sehr offen, kann Ideen sofort umsetzen. Klaus Florian Vogt hat als Walther von Stolzing eine große Erfahrung im Wagner-Gesang, er bringt diese jugendliche Note hinein. Anne Schwanewilms als Eva ist eine Künstlerin, die vom Lied herkommt, von Mozart und Strauss. Das ist eine sehr, sehr schöne Gruppe.

(Interview: Kathrin Zeilmann, dpa)

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