Die Party bleibt aus – Regisseur Serebrennikow begeht Geburtstag im Hausarrest

07. September 2017 - 09:00 Uhr

Moskau/Stuttgart – Seine Freunde dürfen ihm nicht persönlich gratulieren, Geburtstagsgrüße am Telefon wird Kirill Serebrennikow auch nicht annehmen. Am (heutigen) Donnerstag wird der russische Starregisseur wohl alleine oder lediglich mit seinen engsten Vertrauten seinen Geburtstag begehen. Zu einem Zeitpunkt, der wohl eine denkwürdige Zäsur in seinem Leben und in der russischen Kulturgeschichte ist, wird er 48 Jahre. Seit zwei Wochen steht er wegen Betrugsverdachts unter Hausarrest, der Kontakt zur Außenwelt ist stark eingeschränkt.

Kirill Serebrennikow

Kirill Serebrennikow

Serebrennikow ist einer der bekanntesten russischen Regisseure. Ob Filme, Ballett, Oper oder Theater – er gilt als so vielseitig wie kein anderer russischer Künstler. Oft inszenierte er im Ausland, im Oktober sollte er die Oper "Hänsel und Gretel" in Stuttgart auf die Bühne bringen. Als erste Opernpremiere der neuen Spielzeit. Die soll nach Angaben des Stuttgarter Opernhauses dennoch am geplanten Termin stattfinden: Mit Hilfe des Teams von Serebrennikow.

In Moskau leitet er seit 2012 das Gogol-Zentrum, das als Hochburg der Kunstfreiheit gilt. Für seinen Film "Der die Zeichen liest" (Utschenik) wurde er international gelobt. Es geht darin um einen Schüler, der durch Bibellektüre radikalisiert wird. In Russland bekam er dafür viel Kritik.

Doch die ist der im südrussischen Rostow am Don geborene Serebrennikow schon gewohnt. Er studierte in seiner Heimatstadt Physik, machte sich bereits als Künstler in der Provinz einen Namen. In der Moskauer Kulturszene brach mit ihm eine neue Ära an. Dort provoziert und kritisiert er, als wäre Kunstfreiheit in Russland selbstverständlich. Der Staatsführung traut er zwar nicht. Dennoch balancierte er zwischen Nonkonformismus und der Zusammenarbeit mit dem Kulturministerium. Eine staatliche Zuwendung in Millionenhöhe für die Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" wird ihm nun zum Verhängnis.

Im Sommer durchsuchten die Behörden wegen Betrugsverdachts seine Produktionsfirma, nahmen den Generaldirektor und die Buchhalterin fest. Diese belastet ihn schwer: Serebrennikow soll als Kopf der Firma die Unterschlagung des Geldes geplant haben. Er wurde bei Dreharbeiten in St. Petersburg mitten in der Nacht festgenommen, kam in Hausarrest. Immer wieder beteuert er seine Unschuld. Sagt, er sei nur "ein bescheidener Mann", lebe in Moskau in einer kleinen Wohnung ohne Balkon. Wofür brauche er – als Künstler – so viel Geld?

Viele Schauspieler und Theatermacher im Westen vermuten politische Motive und fordern die Freilassung des Regisseurs. Auch die Bundesregierung setzt sich für ihn ein. Die Empörung ist auch in Russland groß, insbesondere wegen der demonstrativen Festnahme. Kritiker fühlen sich an sowjetische Geheimdienstaktionen erinnert. Es gibt auch russische Stimmen, die Serebrennikow nicht in Schutz nehmen. Man dürfe nicht mit Steuergeldern arbeiten und sich dann wundern, sagt ein Russe im Fernsehen.

(Von Claudia Thaler, dpa/MH)

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