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Auf den Spuren der Musiker: Der Physiker Werner Schneider – "Leipziger Musikgeschichte erlebbar und hörbar machen"

10. Februar 2012 - 14:02 Uhr

In kaum einer anderen Stadt haben so viele Komponisten gelebt und gearbeitet wie in Leipzig. Große Namen von Telemann über Schumann bis Mahler zählen dazu. Von der Thomaskirche, dem Arbeitsplatz Johann Seastian Bachs, gelangt man vorbei an der Universität, an der Richard Wagner studierte, und dem Wohnhaus von Felix Mendelssohn Bartholdy zu dem Gebäude, in dem Edvard Grieg die "Peer-Gynt-Suite" komponiert hat. Manche Bauwerke lassen ihre berühmten Vorbewohner nicht mehr erkennen, einige wurden sogar abgerissen und durch andere Bauten ersetzt. Wo zum Beispiel war eigentlich das erste Gewandhaus? Das heutige ist ja schon das dritte Konzerthaus, das diesen Namen trägt.

Werner Schneider

Im wahrsten Sinne des Wortes "auf die Spur" hat sich Werner Schneider gemacht und einen Pfad zu diesen Gebäuden und ihren früheren musikalischen Bewohnern erdacht. In den Fußwegen verankerte Metallbänder sollen ein ganzes Leitsystem bilden. Im Mai 2012 wird die Leipziger Notenspur in der Innenstadt offiziell eröffnet. Wer nun denkt, es handele sich um die Idee eines Musikwissenschaftlers oder der städtischen Kulturverwaltung, liegt völlig falsch. Denn Werner Schneider ist Physiker, genauer gesagt Professor für Statik und Dynamik. "musik heute" hat mit ihm in Leipzig gesprochen.

Ausgerechnet ihr Lieblingskomponist

Dass ein solches Projekt gerade von einem Nicht-Musiker ins Leben gerufen wurde, "ist eigentlich gar nicht so verwunderlich", meinte Professor Schneider. "Leipzig ist eine sehr musikalische Stadt. Bei uns spielen viel mehr Kinder und auch Erwachsene ein Instrument als woanders. Das liegt einfach an unserer Geschichte." In der Stadt hatten zahlreiche Notenverleger ihre Firmensitze, dadurch zog sie viele Komponisten an. Deren Werke wollten aufgeführt werden, dazu brauchte und braucht man bis heute Musiker. So hat auch der heutige Physik-Professor Werner Schneider als Kind Klavierspielen gelernt und beschäftigt sich noch immer begeistert mit Musik.

Schumann-Haus

Nun hören sicher viele Menschen Musik und informieren sich auch darüber. Aber was brachte ihn auf die Idee mit der Notenspur? "Eigentlich ist meine Frau daran schuld", sagte Schneider lachend. Ihr war nämlich aufgefallen, dass das Haus von Robert Schumann durch zwei große Verkehrsstraßen vom Leipziger Stadtzentrum abgeschnitten und nun schwer zu finden ist. "Ausgerechnet ihr Lieblingskomponist!" Das ließ dem Gatten keine Ruhe, und er überlegte, wo es noch andere Gebäude gibt, in denen einmal berühmte Musiker gelebt oder gearbeitet haben. Rasch wurde seine Liste länger. So entwickelte er die Idee, statt einzelner Hinweise einen ganzen Pfad zu diesen Häusern anzulegen – die "Notenspur".

Und wie ging es dann los? "Erst mal ging es gar nicht los", erklärte Schneider. Denn von seinem ersten Vorschlag 1998 sahen sich die Komponistenhäuser überfordert. Der zweite Anlauf 2003 wurde von der Stadt abgelehnt, weil er nicht zur geplanten Olympia-Bewerbung passte. Davon ließ sich der Professor aber nicht entmutigen. Stattdessen ging er die Sache anders an: Er besuchte die einzelnen Häuser und Institutionen, auf die er mit der Notenspur hinweisen wollte, und erklärte ihnen seine Idee. Was nicht immer ganz einfach war. Manch große Institution musste erst davon überzeugt werden, mit kleineren Häusern zusammenzuarbeiten. Und das Museum der Bildenden Künste konnte sich anfangs gar nicht vorstellen, was es in der Notenspur zu suchen hätte – dabei stellt es eine über drei Meter große Beethoven-Skulptur von Max Klinger aus.

Aus der Bürgerschaft heraus

So entstand ein Netzwerk aus Musikinstitutionen, Vereinen, Firmen und Privatpersonen, die das Projekt unterstützten, "in bester Leipziger Tradition: aus der Bürgerschaft heraus", wie Schneider erklärte. Außerdem sprach der Professor mit Mitarbeitern der Leipziger Hochschulen. Gemeinsam entwickelten sie eine Machbarkeitsstudie, die den Nutzen für die Stadt Leipzig darlegen sollte. 2006 stimmte das Kulturdezernat dem Projekt zu. Auch die Tourismusförderung stieg mit ein.

"Spuren-Element"

Die Ergebnisse eines Design-Wettbewerbs für die Notenspur konnten der Öffentlichkeit im Oktober 2007 im Leipziger Gewandhaus vorgestellt werden. Im Juli 2008 beschloss der Stadtrat die Realisierung. Erste finanzielle Mittel wurden 2010 in den Haushalt eingestellt, so dass die konkrete Planung beginnen konnte. Mit der Förderentscheidung durch den Freistaat Sachsen im September 2011 wurde die letzte Hürde für die bauliche Realisierung genommen.

Dabei hatte Werner Schneider das Projekt 2008 beinahe aufgeben müssen. Wegen einer Reform im Bildungswesen war seine Professorenstelle von Leipzig nach Dresden verlegt worden. Dadurch hätte er praktisch keine Möglichkeit mehr gehabt, sich nach Feierabend um die Notenspur zu kümmern. Kurzerhand ließ er seine Arbeitszeit auf vier Tage pro Woche kürzen, wodurch er jeweils einen Tag in Leipzig sein konnte. Zum Glück war das Projekt zu der Zeit schon so groß geworden, dass ihm die Universität für diesen Tag ein Büro zur Verfügung stellte – als Gastwissenschaftler am Institut für Stadtentwicklung.

Beethoven-Statue

Eigentlich hätte sich Schneider zurücklehnen können, denn sein Vorhaben war ins Rollen gekommen. Stattdessen entwickelte er weitere Ideen. Zu der "Notenspur", die zu den berühmten Komponisten vom 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts führen soll, kam der "Notenbogen", der sich mit dem ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert beschäftigt. Diesen zwei Spazierwegen folgte das "Notenrad", ein musikbezogener Radwanderweg, der über die Grenzen der Leipziger Innenstadt hinausführt.

Musik aus den "Kulturtempeln" holen

Ein großes Anliegen ist dem Physik-Professor auch, Kinder für Musik zu begeistern. Regelrecht ins Schwärmen geriet er, als er von seinen Ideen für junge Hörer sprach: "Es wird Rätsel geben und einen Notenspur-Entdeckerpass. Außerdem entwickeln wir Stationen, an denen die Kinder Musik ausprobieren können." Beispiele sind ein Klanglabor und die Leipziger Notenwand, an der man Blindennotenschrift zum Klingen bringen kann.

Schillerhaus

Mit der Zeit entwickelte sich die Leipziger Notenspur von einem Lehrpfad zu einem ganzen Musikerlebnis-Leitsystem. "Wir wollen Musikgeschichte erlebbar und hörbar machen", erklärte Schneider. Zum Beispiel werde man vor den Häusern der früheren Notenspur-Anwohner Beispiele ihrer Kompositionen hören können. Durch Klanginstallationen, Klangoasen und Hörstationen solle die Musik ein stückweit aus den "Kulturtempeln" heraus zu den Menschen auf der Straße kommen. Dadurch können Leute erreicht werden, die sich sonst nicht in einen Konzertsaal trauen würden.

Inzwischen bewirbt sich die Stadt Leipzig mit der Notenspur sogar für die UNESCO-Welterbeliste. Vor wenigen Tagen wurde der Antrag an die sächsische Landesregierung geschickt. Bis zu einer endgültigen Entscheidung wird es noch längere Zeit dauern. Aber schon am 12. Mai 2012 wird die "Leipziger Notenspur" im Rahmen eines Bürgerfestes offiziell eröffnet. Was macht der Initiator, wenn sie fertiggestellt sind? "Dann planen wir noch eine 'Notenszene' für Musik von Jazz bis Rock", verriet Schneider. Und es scheint, als sei es nicht die letzte Idee des Physikers, der zu den Musikern leitet.

(Von Wieland Aschinger)

http://www.notenspur-leipzig.de/

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