K wie "Keine Musik"

17. April 2011 - 22:09 Uhr

"Keine Musik" – so soll der Komponist Maurice Ravel seinen "Boléro" bezeichnet haben.

Maurice Ravel (Foto: Lipnitzky, Paris / gemeinfrei)

Der "Boléro" gilt als eines der am häufigsten gespielten Orchesterwerke. Maurice Ravel (geb. 7. März 1875 in Ciboure, gest. am 28. Dezember 1937 in Paris) hat ihn zwischen Juli und Oktober 1928 komponiert und der Tänzerin Ida Rubinstein gewidmet. Als Ballett wurde der Boléro am 22. November desselben Jahres in der Pariser Oper uraufgeführt.

1929 schrieb Ravel zwei Klavierfassungen des Boléros, eine für zwei und eine für vier Hände. Sie werden aber nur sehr selten aufgeführt. Die erste konzertante Aufführung der Orchesterfassung dirigierte er persönlich am 11. Januar 1930. Wenige Tage zuvor hatte er die erste Schallplattenaufnahme geleitet.

Keine Musik

Je nach Quelle hat Maurice Ravel bei verschiedenem Anlass, in unterschiedlichem Zusammenhang und gegenüber jeweils anderen Menschen geäußert, dass der Boléro "keine Musik" enthalte.

"Mein Meisterwerk? Der Bolero, ganz klar! Leider enthält er keinen Ton Musik." (1)

soll Ravel zum Beispiel gegenüber seinem Kollegen Arthur Honegger scherzhaft bemerkt haben. Andere Autoren fanden in dem gleichen Buch auf der selben Seite ein anderes Zitat:

"Ich habe nur ein Meisterwerk gemacht, das ist der Bolero; leider enthält er keine Musik." (2)

Diese Formulierung wird am häufigsten wiedergegeben. In englischsprachigen Quellen liest man:

Maurice Ravel once said to fellow composer Arthur Honegger: “I have written only one masterpiece. That is Boléro. Unfortunately it contains no music.” (3)

oder

The composer himself informed his colleague Arthur Honegger, “I have written only one masterpiece. That is the Boléro. Unfortunately, it contains no music.” (4),

also er habe ein Meisterwerk "geschrieben", nicht "gemacht". Manch ein Autor bezieht sich dabei sogar direkt auf Honegger:

Composer Arthur Honegger recalled that “Ravel said to me, ‘I’ve written only one masterpiece, Boléro. Unfortunately, there’s no music in it.’” (5)

Glaubt man hingegen anderen Chronisten, so hat Ravel sein Werk nicht im Gespräch mit Honegger kleingeredet, sondern gegenüber dem spanisch-kubanischen Komponisten und Pianisten Joaquin Nin:

The French composer once joked about the score to his friend Joaquin Nin, "Il est vide de musique [there’s no music in it]." (6)

Möglicherweise hat er es aber auch keinem von beiden gesagt, sondern irgendwann einmal aufgeschrieben:

“Malheureusement, il est vide de musique,” Maurice Ravel wrote, with an almost audible sigh, when asked to explain the mystique of his 1928 tone poem, Boléro – “Unfortunately, it is empty of music.” (7)

Oder er hat es einfach allen und jedem erzählt:

"Mein Meisterwerk? Der 'Boléro' natürlich. Schade nur, dass er überhaupt keine Musik enthält", pflegte Maurice Ravel auf die entsprechende Frage ironisch-sarkastisch zu antworten. (8)

Ein Verrückter

Das passt aber wiederum nicht zu einer anderen Anekdote, die über die Uraufführung der "Boléro" kursiert. Danach soll das ganze Publikum begeistert reagiert haben – mit Ausnahme einer einzigen Person:

Auf den Ausruf einer Zuschauerin "Hilfe, ein Verrückter", soll Ravel nur trocken erwidert haben: "Die hat’s kapiert". (8)

Möglicherweise hat er diesen Ausruf (bzw. diese Ausrufe) aber gar nicht direkt mitbekommen:

Nach der Aufführung habe eine alte Dame gerufen: "Hilfe, ein Verrückter, ein Verrückter, ein Verrückter!" Als Ravels Bruder Edouard ihm davon erzählte, soll der Komponist geantwortet haben: "Die … die hat es verstanden!" (9)

Oder die Geschichte hat sich völlig anders zugetragen:

Plötzlich bemerkte der Komponist mitten in dem Tumult eine ältere Dame, die sich an ihrem Stuhl festklammerte und rief. "Hilfe, ein Spinner. Wer solche Musik schreibt, muss verrückt sein." Ravel nickte zustimmend und murmelte: "Diese Frau ist die einzige, die mein Stück verstanden hat, denn der Boléro ist zwar ein Meisterwerk, aber er enthält keine Musik." (10)

Dann stellt sich lediglich die Frage, wo Arthur Honegger, Joaquin Nin und/oder Edouard Ravel in dem Moment waren. Aber so ist das eben manchmal mit Anekdoten und Zitaten…

(wa)

(1) Hans Heinz Stuckenschmidt, Maurice Ravel: Variationen über Person und Werk. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976, S. 282. – nach http://www.breitkopf.com/feature/download/4564/3795
(2) Hans Heinz Stuckenschmidt: Maurice Ravel. Variationen über Person und Werk. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976, S. 282f. – nach http://de.wikipedia.org/wiki/Bolero_(Ravel)
(3) http://advancemusic.com/dx/public/advance/artikel.html?sid=author&bid=1525&charid=192
(4) http://www.floridaorchestra.org/pdf/Feb26-28-RavelsBolero.pdf
(5) http://www.rpo.org/s_7/s_100/p_600/Program_Notes_-_Bolero/
(6) http://www.nzherald.co.nz/news/print.cfm?objectid=137751
(7) http://www.njpac.org/joomla/index.php?option=com_content&view=article&id=152&Itemid=10
(8) http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kalenderblatt/878648/
(9) Jourdan-Morhange 1945, S. 166 – nach http://www.breitkopf.com/feature/download/4564/3795
(10) http://www.musicademy.de/index.php?id=1692

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