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"Zauberflöte" und "Salome" in Salzburg: Kein echter Wurf

29. Juli 2018 - 11:55 Uhr

(Korrespondentenbericht)

Salzburg – Das Opernprogramm der Salzburger Festspiele ist am Wochenende mit zwei stilistisch gegensätzlichen Neuinszenierungen eröffnet worden: Wolfgang Amadeus Mozarts "Zauberflöte" präsentierte die US-Regisseurin Lydia Steier am Freitagabend im Großen Festspielhaus als pralles Ausstattungstheater. Dagegen stand tags drauf in der Felsenreitschule die gewohnt rätsel- und zeichenhafte Deutung der "Salome" von Richard Strauss durch den international gefeierten, italienischen Bühnenkünstler Romeo Castellucci. Ein echter Wurf gelingt keinem von beiden.

"Die Zauberflöte"

"Die Zauberflöte"

Für die "Zauberflöte" hatte Steier eine Rahmenhandlung ersonnen, in der Klaus Maria Brandauer (für den erkrankten Bruno Ganz) einen Großvater im Ohrensessel verkörperte, der seinen Enkeln, den "Drei Knaben" des "Zauberflöte"-Librettos, ein Märchen erzählt. Die munteren Jungs von den Wiener Sängerknaben erleben das Geschehen in einer Art Wachtraum. Doch die Idee erlahmt schnell, zumal Brandauer recht unbeteiligt zur Sache geht. Dann schaltet Steier auf pralles Maschinentheater im Stile von Mozarts Librettisten Schikaneder.

Die Handlung vom Prinzen Tamino, der sich unsterblich in Pamina, Tochter der "Königin der Nacht" verliebt hat, diese aber zuerst aus den Fängen des Priesterkönigs Sarastro befreien muss, spielt zunächst in einem großbürgerlichen (Wiener?) Haushalt, in dessen Küche der "Vogelfänger" Papageno das Geflügel fürs Mittagessen zerlegt.

Dann wandelt sich die Setzkastenbühne in eine riesige Maschine wie aus Chaplins "Moderne Zeiten", ausstaffiert mit beleuchteten Riesenrädern, Zirkuskuppel und Trapez, an dem ein Trupp Papagenas herumturnt. Sarastro agiert als Mischung aus Uncle Sam und Zirkusdirektor, Tamino in der Uniform eines Südstaaten-Offiziers. Die Feuer- und Wasserprobe, die Sarastro dem Paar Tamino/Pamina als Treueprüfung abverlangt, unterlegt Steier mit Flimmer-Bildern (fettFilm) von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges, während die "Königin der Nacht" im Retro-Schützenpanzer daherkommt. Welchen Sinn Steier der schlichten Geschichte von der "Zauberflöte" damit abtrotzen möchte, ist unklar.

Auch musikalisch bleiben an diesem Premierenabend viele Wünsche offen. Die russische Koloratursopranistin Albina Shagimuratova als "Königin der Nacht" singt korrekt, aber etwas hölzern, der tschechische Bassbariton Adam Plachetka als Papageno lässt Witz und Leichtigkeit vermissen, der Schweizer Tenor Mauro Peter als Tamino den Schmelz. Und Bariton Matthias Goerne ist in der für ihn viel zu tiefen Partie des Sarastro eine krasse Fehlbesetzung. Einzig Christiane Karg als Pamina überzeugt mit ihrem schlanken Sopran. Hin und hergerissen zwischen arg forcierten und betont langsamen Tempi gelingt dem griechischen Dirigenten Constantinos Carydis, oft bedrängt vom Bühnengewusel, keine eigenständige Deutung von Mozarts vielschichtiger Partitur.

"Salome"

"Salome"

Die Neuinszenierung der "Salome" ist dagegen zumindest musikalisch eine Sternstunde. Umwerfend und zu Recht umjubelt wurde die litauische Sopranistin Asmik Grigorian in der Titelrolle der judäischen Prinzessin, deren Liebe zum asketischen Propheten Jochanaan zurückgewiesen wird. Aus Rache fordert sie von Stiefvater Herodes dessen Kopf. Auch die Rollen des Herodes (John Daszak), des Jochanaan (Gábor Bretz) und der Herodias (Anna Maria Chiuri) sind festspielwürdig besetzt. Der österreichische Dirigent Franz Welser-Möst führt die Wiener Philharmoniker mit viel Sinn für Farbe und große Form durch die Partitur, in der sich Richard Strauss als Avantgarde-Komponist zeigt und noch nicht dem süffigen Neoklassizismus seiner späteren Jahre frönt.

Regisseur Romeo Castellucci versucht, die archaische Wucht der Komposition mit seinen oft schwer zu entziffernden Bühneninstallationen zu übertreffen, was nur teilweise gelingt. Der poröse Muschelkalk der in den Mönchsberg gehauenen Felsenreitschule hat es Castellucci offenbar so angetan, dass er Salome kurzerhand versteinern lässt; ihr Schleiertanz, für den sie von Stiefvater Herodes den Kopf des Jochanaan fordert, entfällt.

Den Propheten verwandelt der Regisseur in ein lebendiges Pferd, dessen abgeschlagener (Kunst-)Kopf später den Torso des unglücklichen Gottesmannes komplettiert. Was ein Trupp Vermessungstechniker an Herodes Hof zu suchen hatte, bleibt ebenso unklar wie ein Boxerpaar, das abgeschlagene Arme herumträgt. Am Ende bläht sich in einer Ecke der Bühne ein riesiger, schwarzer Ballon. Aber da hat man das Rätselraten schon aufgegeben. Die verkopften Erläuterungen im Programmheft steigern noch die Verwirrung. Immerhin erfährt man dort den Namen des Pferdes: Gerrit Hendrik.

(Von Georg Etscheit, dpa/MH)

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