Klanggenuss bis zum vierten Rang: 20 Jahre KKL Luzern

17. August 2018 - 09:20 Uhr

Luzern – Was die Elbphilharmonie in Hamburg schafft, kann der Konzertsaal im Kultur- und Kongresszentrum im schweizerischen Luzern schon lange: durch seine Kombination aus Musik und einzigartiger Architektur Menschen entzücken. Am (heutigen) Freitag startet wieder das Lucerne Festival, das größte Orchesterfestival der Welt, und der wegen seiner Akustik hoch gerühmte Konzertsaal im Kultur- und Kongresszentrum (KKL) feiert 20. Jubiläum. Anfang August diente der Musiktempel sogar als Kulisse für den Schweizer "Tatort".

Konzertsaal im KKL Luzern

Konzertsaal im KKL Luzern

Bei einer Probe des Lucerne Festival Orchestra zeigt ein Blick hinter die Kulissen das Geheimnis des Klangs: Eine riesige Echokammer, die den Saal in den oberen Rängen umgibt. Damit wird das Raumvolumen bei Bedarf um fast ein Drittel, zusätzliche 6.000 Kubikmeter, erweitert. "Nachhallkammer heißt es korrekter", sagt Bühnentechniker und Akustiker Armin Seeholzer, der die 50 elektronisch steuerbaren Betontore nach den Wünschen der Dirigenten einstellt. "Viel Haar und Kleidung im Publikum, das macht den Ton trockener. Wenn mehr Nachhall gewünscht ist, werden die Tore geöffnet."

Seeholzer optimiert den Sound zudem mit Vorhängen sowie dem zweiteiligen, höhenverstellbaren Schallreflektor unter der Saaldecke. Gleich drei schalldichte Türen sorgen dafür, dass rund 1900 Konzertbesucher trotz der Nähe zum Bahnhof und dem See mit seinen tutenden Schiffen durch keinen einzigen Ton von außen gestört werden. Der Saal hat das "Schuhschachtelformat" für optimale Akustik: hier sind es 22 mal 22 mal 46 Meter. Die Wände sind mit mehr als 24.000 verschieden gemusterten Gipskacheln zur Schallreflexion verkleidet.

"Auch im 4. Rang ist das Klangerlebnis so hervorragend wie im Parkett", sagt KKL-Chef Philipp Keller. Als der Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra, Maestro Riccardo Chailly, die Streicher leise bittet, "softer" zu spielen, ist das in der Probe bis in die letzte Reihe des Parketts klar zu hören.

Für den Ohrenschmaus verantwortlich war der amerikanische Star-Akustiker Russell Johnson (1924-2007). Er bezeichnete den Konzertsaal Luzern als Kulmination seiner Arbeit: "Hier sind fast alle Errungenschaften meiner Arbeit zusammengefasst", sagte er einst.

Der französische Architekt Jean Nouvel konzipierte das preisgekrönte KKL. "Wenn ich das Gebäude sehe, werde ich emotional", sagte er 2015. Markant sind das riesige zum See hinausragende Flachdach, die großen Terrassen mit Ausblick über den See, die Wassergräben im Innern des Gebäudes, die hölzerne Außenschale des Konzertsaals, die wie ein Schiffsrumpf auf die Terrasse ragt. "Jedes Gebäude ist Zeitzeuge seiner Zeit", so Nouvel. "Dieses symbolisiert den Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert."

Für das Lucerne Festival, das sich zur besseren internationalen Vermarktung mit englischem Titel schmückt, ist der Konzertsaal ein Glücksfall. "Die Qualität der Akustik ist wahnsinnig gut", sagt der langjährige Intendant Michael Haefliger. Die Einweihung des Konzertsaals 1998 sei eine Zäsur: "Es gibt das Festival vor und nach dem Bau des Konzertsaals." Das Fest hieß früher "Musikfestwochen Luzern" und ist schon 80 Jahre alt. Weil der 75. Geburtstag groß gefeiert wurde, gibt es dieses Jahr kein Jubiläumsfest.

Seit dem Bau das Konzertsaals ist es mächtig gewachsen, auf rund 65 000 Besucher jeden Sommer. Haefliger setzt ständig auf Innovation: "Es darf keinen Anstrich von Routine geben", sagt er.

Eine Orchesterakademie für 130 Musiktalente aus aller Welt erarbeitet während des Festivals zeitgenössische klassische Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. In diesem Jahr startet zudem ein Orchestercamp für Kinder aus aller Welt, die nicht aus privilegierten Familien kommen und in ihrer Heimat kostenlose Musikförderung bekommen. In Luzern spielen sie im weltberühmten Saal nach einer Woche Proben Beethoven, Rossini und Schostakowitsch. Mit dem Format "40 Minutes" lädt das Festival zu kostenlosen 40-minütigen Konzerten mit Einführung in die Musik und Weltklassemusikern "zum Anfassen" ein, die Neugierigen auch mal ihre Instrumente und Partituren zeigen.

Ein Straßenfestival mit Musikern in der Stadt gehört ebenso dazu wie ein Erlebnistag, an dem Komponist Fritz Hauser Kinder und Erwachsene einlädt, das KKL selbst zum Klingen zu bringen: auf Wänden, Treppen und Geländern schraffieren Besucher, das heißt, sie pausen mit dem Bleistift auf Papier Untergründe ab und produzieren damit einen Klangstrom. "Kindheit" ist das Thema des Festivals. "Die Fähigkeit, kindisch zu sein, tut auch Erwachsenen gut", sagt Haefliger.

(Von Christiane Oelrich, dpa/MH)

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