Musik, Prunk und Revolution: 200 Jahre Münchner Nationaltheater

12. Oktober 2018 - 10:00 Uhr

München – Vor 200 Jahren fieberte die feine Gesellschaft in München auf ein besonderes Ereignis hin: Die Eröffnung des neu gebauten königlichen Hof- und Nationaltheaters am 12. Oktober 1818. Auf dem Programm: Die Uraufführung des Festspiels "Die Weihe" von Ferdinand Fränzl. Die Besucher waren begeistert von dem prachtvollen Haus, das König Maximilian I. Joseph in Auftrag gegeben hatte und das heute Spielstätte der Bayerischen Staatsoper samt Orchester und Staatsballett ist. Eine Institution, die Opernfreunde aus aller Welt nach München lockt, auch mit berühmten Musikern wie der Sopranistin Diana Damrau, dem Tenor Jonas Kaufmann oder dem Dirigenten Kirill Petrenko. Doch der Bau des Theaters war umstritten. Die öffentlichen Kassen waren knapp und über die Kosten wurde heftig diskutiert – so wie heute bei kulturellen Großprojekten.

Bayerische Staatsoper

Bayerische Staatsoper

"Schauen Sie sich die Elbphilharmonie an, das ist durchaus vergleichbar", meint Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler. "In zehn Jahren werden alle stolz auf die Elbphilharmonie sein und alle Probleme sind vergessen." Ähnlich wie bei dem 2017 eröffneten Hamburger Konzerthaus hatten sich auch beim Nationaltheater in München die Bauarbeiten in die Länge gezogen. 1811 hatte man noch unter dem jungen Architekten Karl von Fischer mit viel Optimismus den Grundstein gelegt. Dann wurde es schwierig. Geld war knapp, die Bauarbeiten wurden zwischendurch eingestellt und 1817 ging gar ein Dachstuhl in Flammen auf. Brandstiftung, munkelte man. Später verschwand eine Lieferung von Steinen, mit der von Fischer die Säulenhalle bauen wollte. Doch der Architekt Leo von Klenze war schneller. Er soll die Steine beschlagnahmt haben, weil er sie für den Bau seiner Glyptothek benötigte.

So war im Nationaltheater am Eröffnungsabend vieles noch nicht fertig – sogar Gerüste standen noch. Die Besucher waren trotzdem überwältigt. Der Braunschweiger Intendant August Klingemann schwärmte von einem "in der That majestätischen Anblick": "Der Effekt, den das Ganze machte, war so grandioser und einziger Art, dass er alles weit hinter sich ließ, was mir bisher in ähnlicher Hinsicht an anderen Orten vorgekommen." Von langer Dauer war die Pracht nicht. 1823 brannte das Haus nieder. Diesmal leitete von Klenze den Wiederaufbau, der zwei Jahre dauerte. 120 Jahre später hinterließ der Zweite Weltkrieg gravierende Spuren. Am Morgen des 4. Oktober 1943 stand nach den Bombenangriffen der Nacht nur noch eine Ruine.

Lange Debatten folgten, es wurde sogar überlegt, das Haus komplett abzureißen. Doch dann baute man den klassizistischen Bau doch wieder auf. Am 21. November 1963 war Wiedereröffnung. Seitdem zeigt sich das Nationaltheater in voller Pracht, mit Kristallkronleuchtern, blanken Spiegeln, Gold und rotem Samt. Doch spielt das Drumherum überhaupt eine Rolle? Die Hülle sei für den Inhalt ganz wesentlich, findet Bachler. Der Mensch schaffe besondere Orte für besondere Inhalte. "Wenn Sie vor der Bayerischen Staatsoper stehen, fühlen Sie, dass hier seit 200 Jahren Musik und künstlerische Auseinandersetzung stattfinden."

Nicht immer ist die Auseinandersetzung so spürbar wie vor 100 Jahren, als Kurt Eisner in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1918 den Freistaat Bayern ausrief. Das Königliche Hof- und Nationaltheater wurde mit dem Ende der Monarchie zur Staatsoper. Am 17. November lud der Rat der Soldaten, Arbeiter und Bauern zur Revolutionsfeier in das Haus, Tickets fürs Volk waren kostenlos. Bruno Walter dirigierte die Leonoren-Ouvertüre aus Ludwig van Beethovens Befreiungsoper "Fidelio" und Eisner war begeistert: "Das Kunstwerk, das wir eben gehört, schafft in prophetischer Voraussicht die Wirklichkeit, die wir eben erleben", sagte er danach in einer vielbeachteten Rede. "In dem Augenblicke, da der Wahnsinn der Welt den Gipfel des Entsetzens erreicht zu haben schien, verkünden aus der Ferne Trompetensignale neue Hoffnung, neue Zuversicht."

Revolutionäre Worte in unruhigen Zeiten. Auch heute sieht Intendant Bachler das Haus in der Pflicht, die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen zu suchen. "Es gibt heute vielleicht keine Revolutionsfeier, aber dass wir gesellschaftliche Bezüge herstellen und uns in den Stücken zu den zwischenmenschlichen und humanitären Themen äußern, ist von Bedeutung", meint Bachler. "Kunst, die keine Botschaft hat, hat keinen Sinn."

(Von Cordula Dieckmann, dpa/MH)

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