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"Rheingold" im Miniaturformat: Starke Stimmen auf dem Parkdeck

13. Juni 2020 - 00:28 Uhr

Berlin (MH) – Mit Jonathan Doves Kammerversion von Richard Wagners "Rheingold" hat die Deutsche Oper Berlin nach der durch Corona erzwungenen Pause ihren Spielbetrieb wieder aufgenommen. Um die 200 Premierenbesucher applaudierten am Freitagabend den zwölf Sängern und 22 Musikern, die unter Leitung von Generalmusikdirektor Donald Runnicles den ersten Teil der "Ring"-Tetralogie in einer halbszenischen Fassung präsentierten. Das auf 110 Minuten gekürzte Werk, das gemäß den Auflagen der Berliner Behörden unter freiem Himmel zu erleben ist, wird bis zum 21. Juni noch fünf Mal auf dem Parkdeck der Oper aufgeführt.

"Das Rheingold"

"Das Rheingold"

In girliehaften Glitzerkleidchen, die an die Ästhetik der Achtzigerjahre erinnern, stolzieren die Rheintöchter über eine Treppe, die zu einer erhöht liegenden Bühne führt. Übermutig lassen sie den in poppigen Schlaghosen auftretenden Zwerg Alberich abblitzen, der ihnen voller Gier den sagenhaften Schatz entwendet. Auch der Gott Wotan spekuliert auf das geraubte Rheingold, um seine Schwägerin Freia freizukaufen, die er den Riesen Fafner und Fasolt versprochen hat. Der symbolische Glanz des Goldes kontrastiert mit der Tristesse kahler Betonmauern und seltsam verschnürten Gebilden, die wie eine Hommage an den jüngst verstorbenen Künstler Christo wirken.

Auch wenn die Akustik des improvisierten Spielortes nicht mit der des Saales vergleichbar ist, boten die Sänger respektable Leistungen. In der von Dove gemeinsam mit dem Regisseur Graham Vick erstellten "Pocket"-Fassung von "Rheingold" wurde Alberich stimmstark von Philipp Jekal verkörpert. In der Neuinszenierung von Stefan Herheim, die eigentlich an diesem Abend Premiere haben sollte, war Markus Brück für die Rolle vorgesehen. Bei der Ersatzproduktion, die laut Runnicles erst vor zehn Tagen vom Senat genehmigt wurde, wird die ursprüngliche Besetzung aber weitgehend beibehalten. Neben Wotan (Derek Welton), Fricka (Annika Schlicht) und Freia (Flurina Stucki) überzeugten Andrew Harris als Fasolt, Tobias Kehrer als Fafner und vor allem Thomas Blondelle als gerissener Loge.

Besonders beeindruckend war die Leistung des Orchesters, das nach den Vorstellungen Wagners über 100 Musiker umfassen sollte. Die Fassung von Dove und Vick, die vor 30 Jahren für die Birmingham Opera Company entstand, sieht dagegen eine solistische Besetzung vor. Die Streicher beispielsweise spielen das gewaltige Werk im Quintett. Der Klang blieb hier kammermusikalisch transparent, steigerte sich im Verbund mit den Bläsern aber auch zu einer hier kaum erwarteten dramatischen Intensität. Wie der Dirigent vor der Vorstellung betonte, wird der Klang nicht künstlich verstärkt. Die Musiker vollbrächten einen "Kraftakt", lobte Runnicles.

Die Zuschauer, die aufgrund der pandemiebedingten Hygieneregeln in weitem Abstand voneinander saßen, spendeten begeistert Beifall. Auch Regisseur Herheim, dessen Produktion nach Angaben des Hauses sobald wie möglich nachgeholt werden soll, war bei der Premiere anwesend.

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(Von Corina Kolbe)

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