"The bridge over the ocean" – Das Musikfest Berlin 2012

05. Oktober 2012 - 12:01 Uhr

"Amerika als Musikland" lautete der thematische Schwerpunkt beim diesjährigen Musikfest Berlin. Mit 25 Veranstaltungen in knapp drei Wochen wurde die historisch-musikalische Landschaft der Vereinigten Staaten beleuchtet, vielschichtig und auf hohem künstlerischem Niveau. Internationale Orchester-Schwergewichte, Chöre und Solisten gestalteten ein umfassendes und mit programmatischer Konsequenz durchkonzipiertes Festival.

Concertgebouworkest

Den Startschuss gab das Mahler Chamber Orchestra unter der Leitung von Kent Nagano. Zusammen mit der Sopranistin Chen Reiss und dem Bariton Thomas Hampson führten sie das Publikum in der fast ausverkauften Philharmonie durch die Musikwelt des Charles Ives. Eingebettet zwischen zwei orchestrale, in der für Charles Ives so charakteristischen, vielschichtig transparenten Handschrift komponierte Werke – Orchestral Set No. 2 und Symphonie No.2 – bildeten die 15 Lieder aus 114 Songs den Mittelpunkt des Konzerts. Das Außerordentliche daran war, dass je fünf Lieder aus verschiedenen Opera (Opus in plural) von drei Komponisten bearbeitet wurden, teilweise vom Mahler Chamber Orchestra in Auftrag gegeben. Drei unterschiedliche Handschriften, alle jedoch mit größter Pietät Charles Ives gegenüber, eine absolut überzeugende Neuinterpretation seines musikalischen Schaffens.

Auch wenn die nordamerikanische Musikgeschichte das diesjährige Musikfest Berlin bestimmte, war nur ein einziges Orchester aus Amerika eingeladen. Sicher wäre es eine attraktive Ergänzung gewesen, auch das eine oder andere nordamerikanische Orchester in diesem sowohl musikalischen als auch inhaltlichen Kontext zu hören. Das 1880 gegründete St. Louis Symphony, das zweitälteste Orchester der Vereinigten Staaten, zog auffallend viele Jugendliche in die Philharmonie. Diese folgten sehr konzentriert einem kontrastvollen Programm mit Komponisten, die kaum gegensätzlicher sein könnten. Arnold Schönberg, George Gershwin, der inzwischen 103-jährige Elliott Carter und Ludwig van Beethoven in einer atemberaubenden Interpretation. Solist Christian Tetzlaff besitzt eine ungemeine Ausstrahlung und Bühnenpräsenz. Mit romantischen Zügen brachte er eine frische Note in die Gestaltung des Violinkonzertes ein.

Mariss Jansons mit seinem Concertgebouw Orchester gehörte sicherlich zu den Highlights des diesjährigen Musikfests. Ein expressionistisch geprägtes Programm mit Werken beeindrückender Tiefe und Intensität von Arnold Schönberg, Igor Strawinsky, Samuel Barber. Die Quintessenz des Abends war zweifellos Edgar Varèses Werk "Amériques". Die Komposition beeindruckt durch die äußerste Komplexität der orchestralen Klangbildung und des rhythmischen Musters. Die Unruhe und Geräuschkulisse der amerikanischen Großstadt der modernen Zeiten fließen in die Instrumentation ein und lassen die Zuhörer nicht entspannt in die Sessel versinken. Interpretiert auf solch einem exzellenten Niveau wie an diesem Abend packt das Werk mit Spannung und Stärke.

John Adams

John Adams' Oper "Nixon in China" erlebte die Berliner Erstaufführung, zwar in konzertanter Aufführung, jedoch mit theatralischen Elementen inklusive Requisiten. Darstellerische Gestik und Mimik mit einer Prise Humor ergänzten die musikalische Darbietung der Gesangssolisten und des Chores. Das Besondere dabei: die Aufführung wurde vom Komponisten John Adams höchstpersönlich dirigiert. Die Handlung nutzt die historische Grundlage des China-Besuchs von US-Präsident Nixon 1972 und seines Zusammentreffens mit Mao Tse-tung, dem mächtigen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas. John Adams zählt zu den Vertretern der minimal music. Im Unterschied zu deren traditioneller Richtung ist aber Adams' Musik nie langweilig, eher mit Energie und Spannung geladen.

Tanz- und Jazzryhtmen von George Gershwin, George Antheil, Leonard Bernstein sowie Charles Ives' Symphonie Nr. 4 bestimmten das Konzert der Berliner Philharmoniker mit Ingo Metzmacher, dem Ernst Senff Chor Berlin und Pierre-Laurent Aimard am Klavier – eine insbesondere in rhythmischer Hinsicht große Herausforderung, die sowohl vom Dirigenten als auch vom Orchester eine große Elastizität und den Mut eines Hasardspielers verlangt, die für die Interpretation der klassischen Musik manchmal so typischen Spielregeln zu vergessen. Ives‘ Symphonie Nr.4 besitzt zweifelsohne den höchsten Schwierigkeitsgrad sowohl in der Formbildung, dem Rhythmus und der orchestralen Vielschichtigkeit. Mit mehreren Instrumenten ergänztes Orchester, immer wieder parallel agierende Orchestergruppen, ausgestattet mit unterschiedlichem musikalischem und rhythmischem Musikmaterial, der Einsatz eines zweiten (Hilfs-)Dirigenten – wer sich an dieses Werk wagt, verdient den größten Respekt.
Einen attraktiven Bonus für die Zuhörer gestaltete der Pianist Pierre-Laurent Aimard, der nach dem Konzert noch ein Late Night Recital mit der Klaviersonate "Concord, Mass, 1840-60", ebenfalls von Charles Ives, gab.

Der Rundfunkchor Berlin lud die Zuhörer ein, sich auf eine musikalische Wanderung an manch untypische Konzertorte im Bezirk Kreuzberg zu begeben. In der Heilig-Kreuz-Kirche führte der Chor gemeinsam mit dem Solisten neben den Orgelwerken von Charles Ives eines der schönsten Chorwerke – Leonard Bernsteins "Chichester psalms" auf. Der Orgelsolist des Abends, der unbestrittene Star der neuen Orgelspielergeneration Cameron Carpenter, vertreibt das konservative Image des mächtigen Instruments. Expressiv und eigenwillig, als Solist im 3. Satz aus der Klaviersonate von Charles Ives' "Concord Mass" in eigener Transkription und "Variations on America", ebenfalls von Ives, augenzwinkernd ironisch und gleichzeitig humorvoll, bewies er sich im Zusammenspiel mit dem Chor als perfekter und sensibler Begleitpartner.

(tr/wa)

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