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Operationen an Wagners Ring – Junge Künstler mit eigenen Ansätzen

07. Februar 2013 - 10:04 Uhr

Von Katja Czellnik, Betreuung Regie

Zweimal im Jahr bietet die Kurzopernreihe "K.O." in Berlin jungen, angehenden Künstlern aus dem Bereich Bühne, Regie und Darstellung die Möglichkeit, experimentelle Musiktheaterprojekte zu realisieren. Im Vordergrund steht dabei der Werkstattcharakter, der bewusst offene, auch fragmentarische Zugang zu bisweilen bereits im Repertoirebetrieb der Staatstheater etablierten Werken.

Das Heer. Vier ...

Ein neuer, ein junger, sowohl szenisch als musikalisch frecher Zugang soll den Dinosauriern des Musiktheaters neues Leben einhauchen und damit auch ein neues Publikum für diese Werke gewinnen. Im UNIT, der Bühne der Universität der Künste, und im Hebbel Theater ist dies bereits mehrfach gelungen.

Mit "Das Heer. Vier Operationen an Wagners Ring" wurde diese Reihe nun in die Akademie der Künste Berlin eingeladen. Im Rahmen der Veranstaltungen zum Wagner Jubiläum 2013 wurden die jungen Bühnenbildner und Regisseure aufgefordert, eine Gegenposition zur Wagnerschen Unmäßigkeit zu etablieren und erarbeiteten komprimierte Versionen der vier Teile des "Ring des Nibelungen" als performativen Rundgang durch die Akademie.

Vier Frauen-Teams zeigten höchst divergierende Ansätze

Im RHEINGOLD (Regie: Soo-eun Lee, Musikalische Leitung: Tobias Schwencke, Bühne: Katharina Korth) fokussierte sich die musikalische und szenische Konzeption auf die Etablierung des "System Wotan" als hybrides, mit falscher Größe und globalem Machtanspruch prangendes Unternehmen. Im Vorlauf wurden die Zuschauer zu den Klängen des ersten Aufzuges (hier in einer historischen Orchestereinspielung) in einer engen "Massageröhre" durch den "Rhein" geführt und bildeten anschließend im kalten Innenhof eine Notgemeinschaft mit dem vom System verstoßenen Underdog Alberich – hier konsequent mit einem Schauspieler besetzt. Mit seinem Fluch wurden sie schließlich in die "Räuberhöhle" der verlogenen Kunstgötter geschleust.

Wagners Rheingoldmusik, ohnehin den Hang zum pompös illustren, filmmusikartigen hegend, wurde durch die Kombination von Hammond-Orgel und DJ-Einspielungen vollends zur seichten Lounge-Event-Untermalung, zu der ein hochkorruptes System sich selbst feiert. In einem bizarren Kunsthappening schluckte am Ende ein Monsterdrache Darsteller und Publikum.

... Operationen an ...

Von Wotans Clublounge ging es weiter in die Vorhölle der WALKÜRE (Regie: Margo Zalite, Komposition/live electronics: Hadas Pe' ery, Bühne: Franziska Schuster). Eine mexikanische Totenkombo, bestehend aus Percussion, Kontrabass und live electronics bildete den musikalischen Klangraum, zu dem das Publikum von einer Bassklarinettistin in eine Art Totenritual in einen engen Glasgang geführt wurde. Der Blick nach Draußen erschloss wechselseitig zwei Welten: Eine verstrahlte Zone in der merkwürdige Wesen hausten, deren chorische Verständigungsschreie auf surreale Weise die musikalischen Vorgänge im inneren des Glasgangs zu reflektieren schienen. Auf der Gegenseite eine grellbunte Warenwelt, in der Wotan mit Hunding zu einem Wesen mit drei Beinen verschmolzen war. Zwei Sänger intonierten dabei unisono Fetzen aus dem Dialog Hunding – Wotan.

Das musikalische Zentrum und der identifikatorische Ausgangspunkt dieser Version war die den nationalsozialistischen Arbeitslagern entkommene, auf mexikanischen Grabsteinen hockende Bassklarinettistin: unabläs und traumatisch spielte sie ihren Part aus Wagners Walküre im vergeblichen Versuch, die Geister der Vergangenheit zu bezwingen. Die Sängerin der Sieglinde/Brünnhilde entließ das Publikum schließlich in die nächste Etappe.

Während die Zuschauer im Theaterfoyer Platz nahmen, wurde SIEGFRIED (Regie: Franziska Kronfoth, musikalische Leitung: Kah Chun Wong, Bühne: Christina Schmitt) bereits als Kunstmensch von Wesen in langen Kutten auf der Foyer-Bar zusammengenäht. Eine bunte, verspielte Masken- und Mummenschanzwelt, in der die Sänger permanent ihre Identitäten wechselten, und dem Superhelden Siegfried sämtliche Prüfungsetappen, die er bestehen musste, nur vorgaukelten, hebelte Wagners musikalisches Schwergewicht mit subversiver Leichtigkeit aus.

Musikalisch wurde dieser Ansatz durch eine originelle Besetzung unterstützt: der Sound erinnerte bewusst an die Musik früher Zeichentrickfilme. Zum Einsatz kamen Flöte, zweifaches Marimbaphon, Horn, Klavier und Geige. Durch einen grotesken "Kunstfehler" kam der Held unbeabsichtigt und zu früh "zu Tode" und wurde vorschnell von nationalsozialistischen Bergsteiger-Frauen: Hitlers Walküren auf einer Bahre einkassiert und abtransportiert.

Während das Publikum hinter dem toten Siegfried hinterher pilgerte ertönt bereits die berühmte Trauermarsch-Musik "Siegfrieds Tod" aus der GÖTTERDÄMMERUNG (Regie: Julia Lwowski, Bühne: Ingibjörg Jara Sigurðardóttir). Der Grundkonzeption einer Totenwanderung, eines fortwährenden Begräbnisrituals entsprach die Entscheidung zur musikalischen Besetzung: ein Akkordeon als mobiles Instrument übernahm hierbei den Hauptpart, wurde unterstützt durch Sologeige und – im oberen Foyer – durch die obligatorischen Pauken, ohne die Wagners "Trauermarsch" nicht denkbar wäre.

... Wagners Ring

Publikum und Darsteller zogen als Trauergemeinde zur letzten Etappe ins obere Glasfoyer mit Ausblick auf den Dachgarten. Wieder und wieder beerdigten die Naziwalküren ihren Siegfried, und immer wieder stand er von den Toten auf und begann erneut zu singen. Ein leiernder Plattenspieler ließ am Ende Furtwänglers Einspielung des Endes der Götterdämmerung aufs Dach hinaus schallen, wo Siegfried im Schnee seine endgültige Ruhe finden sollte. Doch es kam anders: Eine Gruppe von Klezmer-Musikanten verscheuchte mit ihrem Spiel Hitlers Walküren und zelebrierte eine fröhliche Geisteraustreibung um Siegfrieds Leiche.

Die Konzeption des gesamten Abends hat hierbei auf mutige Weise bewiesen, dass es nicht nur möglich ist, große Werke des Musiktheaters in einer reduzierten Form aufzuführen, sie hat auch gezeigt, das durch solch radikale Zugriffe, wenn sie entsprechend ernst und konsequent ausgeführt werden, diesen Werken neues Leben einzuhauchen ist.

Wagner 2013. Künstlerpositionen: Das Heer. Vier Operationen an Wagners Ring
Akademie der Künste Berlin, 24. bis 27. Januar 2013

Die Kurzopernreihe "K.O." wurde 2004 vom Leiter der Bühnenbildklasse der Berliner Universität der Künste, Prof. Hartmut Meyer, in Kooperation mit der Komischen Oper ins Leben gerufen. Es ist eine Zusammenarbeit Studierender der Studiengänge Regie, Bühnenbild, Gesang Musiktheater, Musik, Komposition und Sound Studies der UdK und der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin.

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Junge Künstler inszenieren Wagners “Ring des Nibelungen”

Links:

http://www.udk-berlin.de/
http://www.hfm-berlin.de/
http://www.adk.de/

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