Warum klingt Moll traurig? – Die Strebetendenz-Theorie erklärt das Gefühl in der Musik (3/5)

17. April 2013 - 09:05 Uhr

Von Bernd Willimek, Musiktheoretiker, und Daniela Willimek, Dozentin (HfM Karlsruhe)

Als die Töne laufen lernten…
Die Dominante bewegt die Musik

Eine ganz andere Situation ergibt sich beim wiederholten Wechsel Tonika-Dominante, wenn beide Akkorde in Dur stehen. Ersetzen wir auch hier die herkömmlichen Beschreibungen von Strebungen durch die Beschreibung von entgegengesetzten Willensinhalten, so ergeben sich emotionale Inhalte, die sich beim ersten Anschein zu widersprechen scheinen.

Denn die Phase der Tonika erscheint – solange die selbst klingt – als "gewollt"; aus der Sicht der Zeitspanne, in der die Dominante klingt, aber als "nicht gewollt". Ein solcher Widerspruch erscheint zwar zunächst sinnlos, entspricht er doch der Aussage "Ich will, ich will nicht, ich will, ich will nicht…". Diese Widersprüchlichkeit kann der Hörer jedoch durch die Vorstellung von Bewegung auflösen. Denn wer zum Beispiel wandert, stößt sich bei jedem Schritt mit dem Fuß von einem bestimmten Punkt seines Weges ab, den er einen kurzen Augenblick zuvor noch angestrebt hatte.

Der Musikwissenschaftler Arnold Feil (geb. 1925) sagt zu Schuberts Lied "Das Wandern" aus der "Schönen Müllerin", das wie unzählige andere Wanderlieder durch die Harmonieverbindung Tonika-Dominante die Vorstellung von Bewegung erzeugt: "Man kann die Bewegung solcher Musik zwar nicht in leibhaftige Bewegung umsetzen, aber man kann sie gewissermaßen übersetzen, man kann sie sich musikalisch vorstellen und dementsprechend musikalisch realisieren".

Der Harmoniewechsel Tonika - Dominante in Dur eignet sich hervorragend, um die Vorstellung von Bewegung zu erzeugen, wie diese Volksliedfassung zeigt

So ein Tag, so wunderschön wie heute…
Die Subdominante bringt Gelöstheit

Die Dursubdominante findet in der E- und U-Musik als Ausdruck einer gesteigerten, unbeschwerten Stimmung Verwendung. Das "Große Lexikon der Musik" (Honegger –Massenkeil) schreibt, dass die Subdominante in Dur "gern an melodischen Höhepunkten eingesetzt wird". In Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin" finden wir den dissonanzfreien Subdominantklang nur an den wenigen Stellen der 20 Lieder des Zyklus, die vom Text her den Zeitpunkt beschreiben, als der Müller irrtümlicherweise glaubt, das Herz der Müllerin erobert zu haben. Es handelt sich um die zwei Lieder "Mein" und "Pause". Hier kann die seelische Verfassung des Müllers als "unbeschwert" beschrieben werden.

Auch Passagen mit Subdominantklängen in Liedern oder Schlagern wurden in Befragungen von den Probanden als diejenigen Stellen bezeichnet, bei denen die Stimmung am "wärmsten" und am "freudigsten" ist.

Da es ausgesprochen schwierig ist, die Subdominante dominantisch zu hören, weil ihr Auflösungsklang (die doppelte Subdominante) leiterfremd wäre, wird sie in Relation zur Tonika als Durklang mit verschwindend schwacher "Strebung" beschrieben. Arnold Feil beschreibt den Wechsel Tonika-Subdominante als "Spannungsminderung von einer Normalspannung in eine Unterspannung". Diether de la Motte nennt die Subdominante "spannungsarme Entfernung zum Zentrum".

Tauschen wir auch hier die Vorstellung "Strebung" durch die Vorstellung "Identifikation mit einem Willen gegen eine Veränderung" aus, so ergibt das folgende Situation: Wir identifizieren uns beim Subdominantklang mit einem Willen gegen eine Veränderung, der aber von verschwindend geringer Intensität ist.

Dies entspräche emotional einem Gefühl des Einverstanden-Seins mit dem Gegenwärtigen, das als besonderes Merkmal ungefährdet erscheint. Ein solches Gefühl passt zu Momenten der Unbekümmertheit, der Gelöstheit, die sich etwa im Rausch oder nach einem Sieg einstellen könnten. Die Subdominante passt hervorragend zu Liedern in fröhlicher Runde und findet in der entsprechenden Literatur auch reichste Verwendung (beispielsweise das Lied "So ein Tag, so wunderschön wie heute"). Die Subdominante eignet sich auch sehr gut zur Beschreibung einer unbeschwerten Stimmung in Kinderliedern (etwa "Alle meine Entchen"). In zahlreichen Hymnen unterstreicht die Subdominante den emotionalen Höhepunkt, so auch im Deutschlandlied, wenn die Melodie von der oberen Oktave wieder heruntersteigt. Ähnlich ist die Wirkung im folgenden Beispiel, dem Studentenlied "Gaudeamus igitur":

Die Dur-Subdominante wird häufig an melodischen Höhepunkten eingesetzt, weil sie eine gesteigerte, unbeschwerte Stimmung zum Ausdruck bringen kann

Wenn es vor Spannung knistert…
Äolisches Moll wirkt mutig

Erscheint die Molltonika nicht im Wechsel mit der Durdominante, sondern im Wechsel mit der Molldominante, wie das in äolischem Moll der Fall ist, führt die Anwendung der Strebetendenz-Theorie zu emotionalen Inhalten, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen. Denn bei der Molldominante einer Molltonika identifiziert sich der Hörer mit einem "getrübten" Willen (vermollte Dominante) gegen eine Phase des Nicht-Einverstanden-Seins (Molltonika). So ergibt sich ein Bild, als ob einem nicht gewollten Zustand kein Widerstand entgegengesetzt würde. Ein solcher Willensinhalt wäre nur in einer Situation denkbar, in der ein Mensch einer Veränderung, die er nicht will, keine Anstrengung entgegensetzt. Ein solcher Mensch müsste wohl mutig sein, denn er lässt eine nicht gewollte Veränderung zu, was normalerweise eine Überwindung erfordert.

Die theoretische Herleitung des Klangcharakters dieser Harmonieverbindung stimmt genau mit deren emotionaler Wirkung überein. Denn die Verbindung Molltonika-Molldominante ist bestens geeignet, um mit musikalischen Mitteln Mut auszudrücken. Sie findet in der Filmmusik vielfache Verwendung, um spannende Szenen zu untermalen. Man denke nur an den Vorspann der bekannten Fernsehserie "Tatort".

Ferner gestaltet diese Harmonieverbindung den Charakter von Rock- und Popmusik in äolischem Moll, die ausgesprochen mutig und abenteuerlich klingt (Deep Purple, Santana). In der kommerziellen esoterischen Meditationsmusik findet dieselbe Harmonieverbindung im Pianobereich Verwendung als Ausdruck des Sich-Fallen-Lassens in ein meditatives Abenteuer. Die mutige Wirkung der Klänge soll sich hier auf ein Zulassen von Emotionen und neuen spirituellen Erfahrungen beziehen.

Äolisches Moll klingt nicht traurig, sondern eher abenteuerlich oder mutig. Bei "The Groover" (aus "Rock Piano II", Jürgen Moser) lässt sich das gut nachempfinden

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Die Fortsetzung des Artikels erscheint am Donnerstag, 18. April 2013.

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