Warum klingt Moll traurig? – Die Strebetendenz-Theorie erklärt das Gefühl in der Musik (5/5)

19. April 2013 - 09:05 Uhr

Von Bernd Willimek, Musiktheoretiker, und Daniela Willimek, Dozentin (HfM Karlsruhe)

Wunder gibt es immer wieder…
Der übermäßige Dreiklang sorgt für Staunen

Das typische Merkmal des übermäßigen Akkords besteht darin, dass beim ersten Anschein nicht klar ist, welche seiner Töne dissonant und welche konsonant sind. Diether de la Motte sagt: "Erst der Zusammenhang entscheidet, ob in e-gis-c gis oder c dissonant ist."

Die Anwendung der Strebetendenz-Theorie kann daher auch kein klareres Ergebnis bringen. Die Identifikation mit Willensvorgängen verläuft vage und unklar. Der Musikhörer nimmt die Rolle des Fragenden ein und identifiziert sich mit einem Gefühl des Staunens, des Sich-Wunderns. Damit ist auch der emotionale Charakter des übermäßigen Dreiklangs beschrieben.

In der Filmmusik wirkt der Klang passend, wenn in der Handlung etwas Wunderartiges passiert. Als Beispiel dafür ist die bekannte Szene aus der Erich-Kästner-Verfilmung "Das doppelte Lottchen" von Josef von Baky zu nennen, in der sich die beiden Hauptfiguren, zwei Zwillinge, die bis dahin nichts von der Existenz des anderen wussten, staunend gegenüberstehen. Die ganze Szene wird von einer Folge übermäßiger Dreiklänge untermalt. Der Hörer kann so am Staunen der beiden Mädchen teilhaben.

In der Winterreise bringt Franz Schubert den übermäßigen Dreiklang genau dann, wenn im Lied "Die Krähe" das Wort "wunderliches" erscheint.

Der übermäßige Akkord vermittelt ein Gefühl des Sich-Wunderns, wenn seine drei Akkordtöne - wie hier im Lied "Die Krähe" aus dem Zyklus "Die Winterreise" - im Moment ihres Erklingens in ihrer Konsonanz-Dissonanz-Wirkung nicht eindeutig wahrgenommen werden können

Sie verleiht uns Flügel…
Die Ganztonleiter wirkt schwerelos

Das Strebeverhalten der Töne der Ganztonleiter wird von Musiktheoretikern als äußerst schwach und unauffällig beschrieben. Doch die Musik des Impressionismus fand eine Möglichkeit, diese Eigenschaften als typisches Ausdrucksmittel zu nutzen.

Sie gebraucht die Eigenschaft einer gewissen Willenlosigkeit, um Vorstellungen eines Schwebens in Schwerelosigkeit zu erzeugen. Wer schwerelos ist, will weder hinauf noch hinunter. In der Filmmusik finden solche Klänge vor allem dann Verwendung, wenn Zustände der Schwerelosigkeit musikalisch untermalt werden sollen, wie etwa in Szenen unter Wasser, im Weltraum oder – subjektiv schwerelos – im Traum.

Im Impressionismus wird die Ganztonskala verwendet, um den Eindruck von Schwerelosigkeit zu vermitteln. In "Cloches à travers les feuilles" aus "Images" von Claude Debussy wird so die Vorstellung eines durch die Luft schwebenden Glockenklangs erzeugt

Da wird uns angst und bange…
Die kleine Sext steht für die Furcht

Zum Schluss soll das Beispiel der kleinen Sext zeigen, dass man nicht nur mit Akkorden Gefühle zum Ausdruck bringen kann, sondern auch mit einem einzelnen Intervall. Spielt man spontan eine kleine Sext, so kann der Klang auf eine merkwürdige Weise das Gefühl von Furcht erzeugen. Wie lässt sich das erklären?

Dass die naheliegende und erwartete Auflösung der kleinen Sexte die Quinte ist, spricht dafür, dass das Gefühl von Furcht bei der kleinen Sext im Zusammenhang mit der vorauserlebten Quinte steht. Tatsächlich wird die leere Quinte als Klang des Schauerlichen und des Gespenstischen beschrieben. Demnach ergibt die Anwendung der Strebetendenz-Theorie auf das Intervall der kleinen Sexte das Erlebnis der Identifikation des Hörers mit einem Willen, der gegen die Auflösung in ein gespenstisch klingendes Intervall gerichtet ist, was kurz als Identifikation mit einem Gefühl der Angst umschrieben werden kann.

Die kleine Sext kann eine Stimmung der Ängstlichkeit zum Ausdruck bringen

Die Strebetendenz-Theorie und Therapie

Wirkung von Harmonien

Auf die ersten Erfolge bei den Testreihen zur Strebetendenz-Theorie folgten bald Überlegungen, dass man die Tests auch für den musiktherapeutischen Bereich nutzbringend einsetzen könne. Eine erste klinische Stichprobe mit 50 jungen Patienten der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie, Kinderzentrum Maulbronn, erbrachte vielversprechende Ergebnisse. So hatten Jugendliche mit Störung im Sozialverhalten bei emotional neutralen Musikbeispielen wie etwa "Bewegung" annähernd gleiche Ergebnisse wie andere Patienten erzielt, aber weitaus größere Schwierigkeiten gehabt, das Musikbeispiel der Geborgenheit zu erkennen. Kinder mit depressiven Störungen hatten dagegen bei allen Musikbeispielen eine auffallend hohe Trefferquote, was Anlass zu der Hoffnung gibt, dass diese Patientengruppe auf musikalischem Weg besonders gut ansprechbar ist.

Die Strebetendenz-Theorie: Ein neuer Weg für die Musikbetrachtung

Keiner, der den Anspruch erhebt, über Musik und ihre emotionale Wirkung Aussagen zu machen, wird an der Strebetendenz-Theorie vorbeikommen. Seit ihrer Publikation unwiderlegt, ist sie die Grammatik zum Verständnis der emotionalen Wirkung von Musik. Seit Jahrhunderten bis in die heutige Zeit verwenden Komponisten musikalische Harmonien auf eine Weise, wie sie der Strebetendenz-Theorie entspricht. Ein neuer Aspekt für nutzbringende Anwendung auch für den musiktherapeutischen Bereich zeichnet sich ab. Ob und wie weit ihre Erkenntnisse zur Verfeinerung der musiktherapeutischen Diagnostik, gar zur Heilung einsetzbar sind, wird die Zukunft zeigen. Wir wünschen es uns und hoffen auf eine kluges, umsichtiges und vor allem musikalisches Aufgreifen unserer Impulse.

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Alle Teile dieses Artikels finden sich hier.

Hinweis der Redaktion: Näheres zu dem Thema, auch ausführliche Beschreibungen einzelner hier angesprochener Punkte und Quellenbelege, enthält die Publikation "Musik und Emotionen – Studien zur Strebetendenz-Theorie", konzipiert und durchgeführt von Daniela und Bernd Willimek, erhältlich unter anderem zum kostenfreien Download als E-Book der Universität München.

Link:

http://ebooks.ub.uni-muenchen.de/26791/

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