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Komponistin Birke J. Bertelsmeier: "Es reizte mich, Musik zu erfinden" – So wie jedes Kind malt und schreibt

30. Juni 2011 - 13:20 Uhr

Birke J. Bertelsmeier hat ihre ersten Musikstücke schon mit sechs Jahren komponiert. Das ist einer der Gründe, weshalb sie mit gerade mal 30 Jahren schon ein Werkverzeichnis von über 60 Titeln aufzuweisen hat. Ihre neueste Komposition wurde vor wenigen Tagen im Rahmen des Festivals "Klavierfieber" in Berlin uraufgeführt: "… von der anderen Seite" ist eine Auseinandersetzung mit dem Markttor von Milet, das im Berliner Pergamonmuseum steht. Im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin musik heute hat die junge Komponistin erläutert, was sie bewegt und inspiriert.

Birke J. Bertelsmeier

musik heute: Wie sind Sie zum Komponieren gekommen?

Birke J. Bertelsmeier: Mit sechs Jahren habe ich mit dem Klavierunterricht begonnen, ab acht kam Geige dazu. Die Stücke, die ich spielen sollte, haben mir aber nicht immer gefallen. Deshalb begann ich, meine eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Also habe ich komponiert. Es reizte mich einfach, Musik zu erfinden und sie dann zu spielen.

musik heute: Was für Musik haben Sie anfangs komponiert?

Birke J. Bertelsmeier: Meine ersten Stücke waren für Klavier und Geige. Mit acht, neun Jahren habe ich ein Werk für Streicherensemble geschrieben. Das war ein ganz schlichtes Stück, ein paar Töne nur. Jedes Kind malt mit drei, vier Jahren, und jeder schreibt Texte in der Schule. Natürlich ist beim Komponieren die Schrift ein Problem. Nicht jeder kann Noten schreiben und die meisten Erwachsenen können heute keine Noten lesen. Aber durch das Klavierspielen konnte ich es einfach. Es gibt natürlich auch andere Wege, zum Beispiel durch grafische Notation. Aber die habe ich eher weniger verwendet. Denn ich habe es so kennengelernt: Wenn ich den Ton haben will, dann muss ich auch den Ton aufschreiben.

musik heute: Wie ist das Komponieren zu Ihrem Beruf geworden?

Birke J. Bertelsmeier: Ich habe immer ernsthaft komponiert. Das hat mir gefallen und Spaß gemacht. Meine Eltern sind aber keine Musiker. Mit acht Jahren habe ich mich bei einem Wettbewerb angemeldet – und gewonnen. Da dachte ich: 'O.k., in dir steckt vielleicht etwas'. Dann ging es wie ein Schneeballsystem weiter und das Komponieren wurde immer wichtiger in meinem Leben.

Vor und mit dem Abitur habe ich überlegt, was ich wohl machen wollte. Eigentlich war schon irgendwie im Kopf: Musik, Musik. Ich habe mich aber auch für Physik angemeldet. Das hätte ich studiert, wenn ich in Köln die Aufnahmeprüfung für das Musikstudium nicht bestanden hätte. Ich bin aber froh, dass ich Musik studiert habe. Obwohl mich Physik, Mathematik und auch andere Wissensgebiete sehr gereizt hätten.

So habe ich eigentlich mein Hobby zum Beruf gemacht. Das ist vielleicht nicht der einfachste Weg oder der sicherste Job. Man muss sich jeden Tag immer wieder darauf konzentrieren, intensiv weiter zu arbeiten. Ich meine, man braucht nicht um 7 Uhr aufzustehen – aber man macht es trotzdem, weil man sich dazu zwingt.

musik heute: Wer oder was sind Ihre Vorbilder oder Einflüsse?

Birke J. Bertelsmeier: Alles hat seinen Einfluss, schlechte Musik fast noch mehr als gute. Denn schlechte Musik sagt mir, was ich nicht machen möchte. Gute Musik sagt mir, was möglich wäre. Aber beides zusammen brauche ich, um meinen eigenen Weg zu finden. Oft kommen mir die besten Ideen in Konzerten, die mich nicht ganz so sehr fesseln. Da lasse ich meinen Gedanken und Ideen freien Lauf.

Vorbilder ändern sich ja auch. Ich bin selber Pianistin. In jedem Stück, an dem ich arbeite, erkenne ich Qualitäten, die ich mag und ausbaue. Natürlich gibt es immer Vorlieben.

Es gibt herausragende Merkmale, die mir wichtig sind. Es findet sich da eine Energie, die mir in einem Stück bedeutend ist, ein Gefühl von Bewegung, ein Nicht-auf-der-Stelle treten. Ich spiele gerne mit bestimmten Harmonien und Rhythmen, mit so einer Art schwankendem Rhythmus, einem etwas holprig-verschmutztem Rhythmus.

musik heute: Spielen Sie Ihre Stücke manchmal selbst im Konzert?

Birke J. Bertelsmeier: Sehr oft. Wenn ich ein Klavierstück geschrieben habe, dann spiele ich es fast immer. Das hat seinen ganz besonderen Reiz: Manchmal lässt sich nicht alles 100prozentig aufschreiben. Es gibt Nuancen, die kann man dann selber realisieren. Aber es ist auch interessant zu hören, was ein anderer Pianist daraus macht. Ich meine, jeder spielt Bach anders, jeder spielt Mozart anders. Es macht am meisten Spaß, wenn man ein eigenes Stück mehrmals hört, von verschiedenen Musikern.

musik heute: Besprechen Sie Ihre Werke mit den Interpreten, wenn Sie sie nicht selbst spielen?

Birke J. Bertelsmeier: Sehr gerne. Ich liebe es, mit Musikern zusammen zu arbeiten und mit ihnen Sachen auszuprobieren, besonders mit größeren Ensembles. Leider hat man diese Möglichkeit nicht so oft. Ich bin ja nicht Mendelssohn, der ein eigenes Orchester hatte. Ich finde es einfach auch spannend, Fragmente noch einmal zu verändern. Manchmal wirkt sich das auch nicht so sehr auf das aktuelle Stück aus, aber dann auf die nächsten Stücke.

Jeder Musiker geht an eine Partitur anders heran. Und wie schreibt man eine bestimmte Phrasierung, damit es sofort verstanden werden kann? Der eine Musiker hätte es in der Partitur gerne genauer beschrieben, also schreibt man es genau. Und der nächste fühlt sich gerade dadurch eingeengt. Man kann es immer falsch und richtig machen. Aber deshalb finde ich es spannend, mit den Musikern zu arbeiten. Denn man gewinnt immer auch neue Erfahrungen.

Markttor von Milet

musik heute: Für das Klavier-Kunst-Festival "Klavierfieber" haben sie ein Stück über das "Markttor von Milet" geschrieben. Wie kamen Sie auf dieses Bauwerk?

Birke J. Bertelsmeier: Der Auftrag an alle beteiligten Komponisten lautete: Schreibt ein Klavierstück, das sich auf ein Kunstwerk in einem Berliner Museum bezieht. Bei meinem ersten Besuch in Berlin als Kind, kurz nach der Wende, war ich im Pergamonmuseum. Da ist das Tor von Milet einfach im Gedächtnis geblieben, weil es außerordentlich imposant auch mich wirkte. Für den Kompositionsauftrag habe ich auch andere Bilder in Erwägung gezogen. Denn ich dachte, es müsste ja eigentlich ein Kunstwerk sein. Aber ich finde, das Tor von Milet ist auch ein Kunstwerk. Durch die Zeit ist es ein Kunstwerk geworden, und war es in gewisser Weise schon damals.

musik heute: Das Stück haben Sie "… von der anderen Seite" genannt.

Birke J. Bertelsmeier: Ja, denn man soll sich bei der Komposition nicht unbedingt einen Markt vorstellen. Man kann einfach die Fantasie laufen lassen, zum Beispiel an Personen denken, die früher dort waren. Das reizt mich viel mehr, als Strukturen zu übernehmen. Die können zwar auch inspirierend sein – zwölf Säulen, damit hätte ich ja spielen können. Aber bei zwölf Tönen würde man vielleicht an Schönberg denken, keiner würde auf die zwölf Säulen vom Tor von Milet kommen. Außerdem, wenn man selbst vor dem Tor steht, ist ja die Perspektive eine ganz andere. Was man sieht, ist ganz anders als das reale Tor. Besonders in dem kleinen Raum empfindet man das Tor fern aller Realität. Und so ist es auch bei der Komposition von Musik: Sie wird gehört und verschwindet wieder. Das ist eine ganz andere Art von Wahrnehmung.

So wie das Tor heute im Museum steht, hat es eigentlich gar keine Funktion mehr. Der Markt, zu dem es einmal führte, existiert ja nicht mehr. Ich finde den Gedanken faszinierend, dass man ein Tor abbaut und in einem ganz anderen Land in einem Museum wieder aufbaut. Es wird zerstört und erneut aufgebaut. Man versucht es wirklich perfekt wieder aufzubauen und kann es eigentlich doch gar nicht. Dann die Überlegung, dass das Tor ja eigentlich nur eine Funktion für den Markt erfüllte. Wenn ich mir vorstelle, dass ich in einem Haus wohne und die Tür davon ist später wichtiger als das ganze Haus – diesen Gedanken finde ich spannend. Und musikalisch ist man sehr frei. Man kann sich alles vorstellen.

musik heute: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Birke J. Bertelsmeier: Gern geschehen.

(Die Fragen stellte Wieland Aschinger)

http://www.birkebertelsmeier.com/

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