Die Wagners und Bayreuth – Eine deutsche Geschichte

22. Juli 2013 - 08:33 Uhr

Montag, 22. Juli 2013 / 23:35 – 00:20 Uhr
Das Erste

Dokumentation (Deutschland 2013, Erstausstrahlung) Alle Jahre wieder ziehen die Wagnerianer auf den Grünen Hügel und die Wagner-Festspiele in Bayreuth die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich. Die Festspiele sind ein millionenschweres Großunternehmen in Familienhand, das seit seiner Gründung durch Richard Wagner im Jahr 1876 zwei Weltkriege erlebt, fünf verschiedene politische Systeme vermeintlich unbeschadet überstanden, dem König und Adolf Hitler den Hof gemacht hat.

Festspielhaus

Heute sind die Festspiele Bühne für große Kunst und für ein buntes Völkchen Prominenter aller Art. Nicht nur Wagners Musik hat Bayreuth eine Ausnahmestellung in der deutschen Kultur verschafft, sondern auch das Marketing-Gesamtkunstwerk: der abgelegene Ort, das Konzerthaus, das – vom "Meister" selbst konzipiert -, die Aura einer Weihestätte besitzt, die bedingungslosen Fans, der dunkle Klang deutscher Geschichte – und die knappen Karten.

Bayreuth, ein geschichtsträchtiger Ort im positiven wie im negativen, ist jedenfalls ein urdeutscher Mythos. Dass der Umgang mit der Geschichte dieses Ortes bis heute ein heikler ist, zeigte zuletzt der Skandal um das Brust-Tattoo des russischen Sängers Ewgenij Nikitin sehr eindrücklich. Bayreuth in Verbindung mit Nazi-Symbolik weckt reflexartig düstere Erinnerungen, Presse und Öffentlichkeit sind alarmiert. Die Vereinnahmung der Festspiele für diese Ideologie überschattet das Unternehmen Bayreuth bis heute und fordert auch unter der jetzigen Führung die Urenkelinnen Wagners heraus.

Für den Erhalt des Mythos Bayreuth arrangierten sich die Wagners mit Machthabern, gingen fragwürdige Allianzen ein und kämpften nicht selten rücksichtslos gegeneinander – gerade in der Familie. Ob Richard Wagner selbst, ob Cosima, Siegfried, Winifred, Wieland, Wolfgang oder Katharina Wagner, sie alle sind begnadete Inszenatoren dieses Mythos, ihn zu durch-leuchten heißt deshalb, vor allem zu erzählen, wie die Familie ihn geprägt hat.

Nike Wagner

Es steht zu befürchten, dass sich die Bayreuther Festspiele auch im Jubeljahr des 200. Geburtstages Richard Wagners nicht kritisch der Geschichte stellen. Selbst das Wagner-Museum im ehemaligen Familiensitz, das Haus Wahnfried – einer der möglichen Orte für eine geschichtliche Aufarbeitung – wird 2013 geschlossen bleiben, wegen Bauarbeiten. Wird die Urenkelinnen-Generation einen Weg finden, mit dem langen Schatten der Vergangenheit transparent und souverän umzugehen? Das darf man bezweifeln. Bayreuth war, ist und bleibt auch in Zukunft spannend.

Die Dokumentation von Michael Strauven nimmt von heute aus betrachtet die Geschichte Bayreuths genau und nüchtern in den Blick. Kenner und Insider Bayreuths äußern sich im Interview zu ihrer Sicht auf die Familie, auf den Mythos und die Geschichte des Ortes, und geben ihre Einschätzung, was Bayreuth heute ist und in Zukunft sein wird. Was Bayreuths Magie ausmacht und wie man mit der eigenen Vergangenheit umgeht, wird mit prominenten Künstlern und bekannten Persönlichkeiten besprochen. Zu Wort kommen Nike, Daphne und Gottfried Wagner, Jürgen Flimm, René Kollo, Anja Silja, Hans Neuenfels, Michel Friedman, Christian Thielemann, Patrice Chéreau, Jonathan Meese, Hannes Heer u.a.

(pt/wa)

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