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Mozarts Requiem – 2. Eine neue Vervollständigung

18. September 2013 - 09:03 Uhr

Von Dr. Benjamin-Gunnar Cohrs

Mozarts unvollendetes Requiem gehört seit seiner Vervollständigung durch Franz Xaver Süßmayr (1792) zu den meist-aufgeführten klassischen Werken überhaupt. In der Neuen Mozart-Ausgabe wurde der Notentext 1965 von Leopold Nowak vorgelegt.

W. A. Mozart

Allerdings wurde auch immer wieder Kritik an den Ergänzungsarbeiten Süßmayrs laut, die Christoph Wolff in seiner Studie Mozarts Requiem (Bärenreiter/dtv, 1991) wie folgt zusammenfasste: "Die Ergebnisse seines Komponierens stellen sich denn auch tatsächlich dar als eine eigenartige Mischung aus überraschend guten Einfällen und deren unzureichender Aus- bzw. Durchführung, von möglichen halb- oder mißverstandenen Orientierungshilfen ganz zu schweigen. Seine Ergänzungen bieten jedenfalls alles andere als eine homogene Partitur. […] Für kontrapunktische Herausforderung fehlte es ihm an Zeit, Interesse und technischem Rüstzeug. […] Ohne Zweifel war Süßmayr ein vielseitig-geschickter Adlatus sowie ein durchaus routinierter Komponist, keinesfalls aber ein wirklicher Meister und in Constanzes Augen eben nur ein Schüler Mozarts."

Inzwischen sind verschiedene neue Vervollständigungsversuche veröffentlicht und aufgeführt worden. Am bekanntesten wurden die jüngeren Editionen von H.C. Robbins Landon (1990) und Franz Beyer (1991), die die Anteile Süßmayrs weitgehend unangetastet lassen und sich auf Korrekturen und Verbesserungsvorschläge von Details konzentrieren. Die Neufassungen von Richard Maunder (1988), Duncan Druce (1993) und Robert Levin (1994) hingegen haben die Substanz der von Süßmayr nachkomponierten Teile weitergehend kritisiert und durch neue Eigenkompositionen ersetzt, mit teilweise recht drastischen, mitunter stilfremden Resultaten, die ihrerseits zur Kritik herausfordern.

Daraus resultiert nun freilich ein Dilemma: Wer sich als Dirigent nicht für eine dieser Ausgaben zur Gänze entscheiden möchte, könnte nur verschiedene Bearbeitungen miteinander vermischen. Dementsprechend haben schon ganze Generationen von Kirchenmusikern 'Fassungen für den Eigengebrauch' zusammengestellt. Bei meinen umfangreichen Studien dieser Problematik kam ich schließlich zu der Erkenntnis, dass keine der bekannten Fassungen grundlegende Probleme des Werkes und seiner Komplettierung wirklich zufriedenstellend löst. Daraufhin begann ich im Jahr 2000, eine eigene Neufassung vorzubereiten, die anschließend weiter durchgefeilt und 2013 abgeschlossen wurde.

Freilich gab Wolff mit Recht zu bedenken, dass Süßmayrs Komplettierung abgesehen von Mozarts Manuskript die einzige Quelle überhaupt darstellt, "die die Chance in sich birgt, von Mozart stammendes musikalisches Gedankengut […] aufzudecken." Die Konsultation der Ergänzungen Süßmayrs ist deshalb für eine Neuausgabe unabdingbar. Diese waren freilich zu hinterfragen und wo immer erforderlich zu überprüfen und ggf. zu ersetzen. Sanctus, Benedictus, Osanna und Agnus Dei hat Süßmayr angefertigt, allerdings wohl unter Verwendung heute verlorener Skizzen und aufgrund von Mozarts Anweisung, die Kyrie-Fuge unter Neutextierung am Ende zu wiederholen (belegt durch einen Brief von Constanze an Breitkopf & Härtel vom 27. März 1799).

So bekommt das Werk immerhin einen offenbar authentischen Schluss. Mozart selbst hat vermutlich folgende, nicht mehr in Partitur gebrachte Teile zumindest im vierstimmigen Vokalsatz (fallweise mit Generalbass) noch skizziert: Vom Lacrymosa abgesehen von den ersten 8 Takten der dann abbrechenden Partitur ungefähr die Takte 11–18; vom Sanctus die ersten 6 Takte (beruhend auf einer Dur-Variante vom Anfang des Dies irae); vom Osanna ungefähr die ersten 16 Takte (beruhend auf einer Dur-Variante der quam olim-Fuge des Offertoriums); vom Benedictus ungefähr die ersten 21 Takte (das auf ein von Mozart für seine Schülerin Barbara Ployer entworfenes Übungsstück zurückgeht und am Ende auf das 'et lux perpetua' im Introitus zurückgreift); vom Agnus Dei ungefähr die ersten 13 Takte (beruhend auf dem Hauptthema des Introitus im Bass).

Darüber hinaus wurde 1960 eine Skizze mit den ersten 16 Takten einer Amen-Fuge nach dem Lacrymosa wiederentdeckt, die Süßmayr gar nicht berücksichtigt hatte. Meine Neufassung bietet eine neue Fortsetzung des Lacrymosa (6 Takte) als Überleitung zu der von ihm ausgearbeiteten Amen-Fuge (96 Takte), eine neue Fortführung des Sanctus (5 Takte), eine neue Ausarbeitung der Osanna-Fuge (54 Takte), einen neuen zweiten Teil vom Benedictus (22 Takte) sowie eine neue Fortsetzung des Agnus Dei (nun insgesamt 54 Takte).

Mozart hat nicht einmal den Eingangssatz vollständig zu Ende instrumentiert; es gibt nur wenige Hinweise zur Instrumentation von ihm selbst. Die Instrumentierung wurde deshalb unter dem Aspekt größtmöglicher stilistischer Geschlossenheit grundlegend überarbeitet. Da Eybler ein unbestritten besserer Komponist als Süßmayr war, wurden seine Ergänzungen in der Sequenz (bis zum Lacrymosa) denen Süßmayrs vorgezogen, allerdings wo nötig modifiziert und ergänzt, mitunter auch zurückgeschnitten, denn Wolff kritisierte mit einigem Recht die Ergänzungen Eyblers und Süßmayrs bezüglich ihrer "Tendenz zu stärker ausgeprägter obligater Orchesterbegleitung" als stilistisch bedenklich.

Die Instrumentation hatte die spezifischen Besonderheiten des Werkes zu berücksichtigen. So wird, wie von Mozart noch selbst angedeutet, auf eine obligate Führung der Posaunen (bei wenigen, begründeten Ausnahmen) weitgehend verzichtet. Die Holzbläser stützen im Tutti den Chor, die Fagotte mitunter den Basso, und dienen außerdem zur rhythmischen Profilierung wie auch Verstärkung der Resonanz. Die Faktur der hohen Streicher orientiert sich am Basso und an den Vokalstimmen.

Da das Autograph nur wenige entsprechende Angaben bietet, waren außerdem Artikulationen, Tempi, Dynamik und Generalbaß-Bezifferung unter Beachtung von Mozarts üblicher Vorgehensweise und anhand der kargen Angaben der Handschriften zu überprüfen und weitgehend zu ergänzen. Durch den Versuch der Ausmerzung von Süßmayrs Ungeschicklichkeiten sollte dem Requiem zu mehr innerer Geschlossenheit verholfen werden, selbst wenn dies bedeutete, Süßmayrs Ergänzungen nurmehr durch solche des Herausgebers zu ersetzen, dem die Problematik dieses Tuns durchaus bewußt ist. Angesichts der Probleme früherer Fassungen halte ich einen neuen Versuch jedoch für gerechtfertigt. Die Gesamt-Anlage so wie bekannt bleibt zwar weitgehend erhalten, doch bietet die Neufassung eine Fülle interessanter Details und neuer Aspekte.

(Hinweis der Redaktion: Der Autor leitet die Uraufführung seiner vervollständigten Neufassung des Mozart-Requiems am 20. September in Bremen und am 21. September in Dortmund.)

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