John Axelrod: "Wie großartige Musik entsteht … oder auch nicht" – Von Harmonien und Kontrapunkten

11. Februar 2014 - 08:31 Uhr

(mh) – Dirigent John Axelrod führt hinter die Kulissen der Orchester weltweit. Zugleich gibt er aufschlussreiche Einblicke in den regulären Musikbetrieb – unterhaltsam, pointiert und zuweilen zum Schmunzeln anregend.

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Herbert von Karajan hatte eine unbequeme Begegnung mit dem Cleveland Orchester, was ihn, den damaligen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, beinahe seine Amerika-Karriere gekostet hätte. Auf die Arbeit seines Vorgängers George Szell nahm er wenig Rücksicht, was zu Verstimmungen mit dem Orchester führte. Unweigerlich, wie man spätestens nach der Lektüre Axelrods lehrreicher Orchesteranthropologie weiß. Denn Karajan war sich wohl nicht genügend im Klaren, welchen Klangkörper er vor sich hatte, wie das Orchester fühlte, welchen Arbeitsstil es gewohnt und durch welche (nationale) Kultur es geprägt war. Im Übrigen sei bemerkt, dass es Menschen waren, mit denen er musizierte. Schon mit dieser Anekdote bringt Axelrod deutlich zum Ausdruck, wo überall Fettnäpfchen stehen, die darüber entscheiden, ob oder wie "großartige Musik entsteht … oder auch nicht".

Überhaupt nimmt uns Axelrod mit vielfältigen Erlebnissen auf die Reise in die aufregende Welt der oftmals inhomogenen Orchester. Mit feinem Gespür und der Gabe, dies in Worte zu fassen, schärft uns Axelrod den Blick für den Mikrokosmos Orchester mit Mentalitätsvergleichen und der Dreiecksbeziehung Dirigent, Orchester, Publikum. Dem Leser bietet sich ein facettenreiches Bild auch musikpsychologischer Phänomene, wie sie nur von Persönlichkeiten erzählt werden können, die hautnah am und im Geschehen waren und sind, die außerdem ein Gespür für zwischenmenschliche, nonverbale Prozesse haben. Auf Axelrods Zukunft darf man gespannt sein, der bereits auf eine abwechslungsreiche Karriere zurückblicken kann:

John Axelrod, Jahrgang 1966, hat sich nach dem Musikstudium bei Leonard Bernstein, beruflichen Stationen als Talentsichter für die Plattenfirma RCA/BMG und als Geschäftsführers eines Weinhandels dann doch für die Musik entschieden. Seit dem Jahr 2000 ist er ausschließlich Dirigent, derzeit unter anderem als Chef des "Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi". Der Texaner hat mit über 150 internationalen Orchestern zusammengearbeitet und mit Instrumentalisten wie Julia Fischer, Daniel Hope, Lang Lang oder Martin Grubinger.

Einmal mehr wird offensichtlich, aus welch reichem Erfahrungsschatz Axelrod schöpfen kann, um beurteilen zu können, wie unterschiedlich die erwähnten Orchester "ticken". Das Ziel, eine möglichst perfekte musikalische Aufführung zu präsentieren, führt die Musiker trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere zusammen. Nur die Wege zu diesem Ziel sind vielfältig. Das Spektrum reicht von perfektionistisch, wie Axelrod die angelsächsischen Orchester kennengelernt hat, bis diskussionsfreudig, wie ihm eher die französischen Musikern begegnet sind.

Der Wert des gut lesbaren Buches liegt auch darin, dass der Autor sich nicht in psychologischen Betrachtungen verliert, sondern immer den vielschichtigen Musikbetrieb im Blick hat: Da beschäftigen Axelrod etwa Auswüchse wie überhöhte Gagen oder knauserige Kulturverwalter und die Schlüsselstellung des Publikums – Themen, die sich wie ein roter Faden durch diese Publikation ziehen.

Um den Musikbetrieb aufrechtzuerhalten bzw. in Schwung zu bringen, schlägt der Autor vor, die Gunst des Publikums nicht aufs Spiel zu setzen, es mit zu viel Neuer Musik nicht zu überfrachten. Auf Neue Musik ganz zu verzichten, wäre seiner Ansicht nach aber auch ein falsches Signal. Viel eher empfiehlt der weitgereiste Musiker den Orchestern, sich offensiver zu vermarkten und wie Fußballclubs zu präsentieren. Das Phänomen der mangelnden Vermarktung trifft natürlich auch auf kammermusikalische Ensembles oder Chöre zu, wenngleich diese hier nicht explizit erwähnt werden. Axelrod geht in seinem leidenschaftlichen Plädoyer für die klassische Musik sogar so weit, den Chefdirigenten durch das Publikum bestimmen zu lassen und über Bandenwerbung in Konzertsälen nachzudenken.

Ob solche innovativen Ideen Anklang finden, sich in die Praxis umsetzen lassen können, um damit Musiker, Plattenfirmen und Zuhörer gleichermaßen zufriedenzustellen, bleibt abzuwarten. Diese Gedanken zeigen aber, dass der Musikbetrieb sich neu positionieren muss und nicht Gefahr laufen darf, in Routine zu erstarren, um den Herausforderungen des Konzertbetriebes auch in der Zukunft gewachsen sein zu können. Kontrapunkte sind eben auch zum Umdenken anregende Gesichtspunkte. Im Sinne eines harmonischen Miteinanders nicht nur bezogen auf die Abläufe im Musikbetrieb, sondern ebenfalls im Zwischenmenschlichen, bietet Axelrods Buch mehr als eine amüsante Unterhaltung. Es besitzt die Qualität eines vielseitigen Ratgebers – auch für Führungskräfte anderer Branchen im Umgang mit Menschen. Kurz: Ein informativer wie inspirierender Musik-Knigge nicht nur für Musiker.

(Von Sabine Kippenberg)

John Axelrod
"Wie großartige Musik entsteht … oder auch nicht" – Ansichten eines Dirigenten
Bärenreiter / Henschel Verlag, Kassel/Leipzig 2012
ca. 160 Seiten mit Abbildungen
Gebunden
ISBN: 978-3-7618-2293-7 (Bärenreiter)
ISBN: 978-3-89487-917-4 (Henschel)
19,95 EUR

Die englische Version "The Symphony Orchestra in Crisis: A Conductor’s View" ist am 1. September 2013 bei Naxos als ebook erschienen.

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