Franz Liszt – Die späten Jahre

15. August 2014 - 13:10 Uhr

Sonntag, 17. August 2014 / 00:15 – 01:10 Uhr
ARTE

Dokumentation (Deutschland/Italien/Frankreich 2011) Ein frühes Testament, gescheiterte Ehepläne und eine halbe Karriere als Priester: Auf den ersten Blick liegt das letzte Lebensdrittel von Franz Liszt (1811-1886) im Schatten früheren Glanzes. Dabei schuf Liszt in dieser Zeit die visionärste Musik seines Lebens. Meisterpianist Lev Vinocour folgt der Spur Liszts in seinen späten Jahren von Weimar nach Rom und schließlich nach Bayreuth und fördert Überraschendes – nicht nur für Klassikliebhaber – zutage.

Mircea Anca als Franz Liszt

Mircea Anca als Franz Liszt

Franz Liszt gilt nicht nur als erster europäischer Musikstar, er war auch eine der bekanntesten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Dafür hatten seine pianistische Virtuosität und sein Talent für die Selbstinszenierung gesorgt. Doch mit dem Eintritt in das letzte Lebensdrittel um 1860 herum änderten sich sowohl Liszts Lebensumstände als auch seine Musik: Die virtuosen Klangkaskaden, mit denen er das Publikum europaweit beeindruckt hatte, wichen einem verhaltenen, kargen Stil, der auf seine Zeitgenossen befremdlich und depressiv wirkte. Längst galt Richard Wagner als neuer Stern am Musikhimmel.

Auch privat hatte Liszt mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen: Seine Ehepläne mit der langjährigen Geliebten Carolyne zu Sayn-Wittgenstein scheiterten in Rom, wo der Papst Carolynes bestehende Ehe annullieren sollte, um den Weg für die Ehe mit Liszt freizumachen. Diese und viele andere Fakten legen es nahe: Die späten Jahre Liszts liegen im Schatten früheren Glanzes. Dabei gelten die Kompositionen dieser Zeit längst als Vorläufer der musikalischen Moderne. Wie passen künstlerische Modernität und das Bild, das wir von Liszts letztem Lebensdrittel haben, zusammen? War Liszt, der Neuerungen gegenüber stets aufgeschlossen war, in seinem Leben zu modern, als dass er zu seinen Lebzeiten hätte verstanden werden können?

Mit dem in Deutschland lebenden russischen Pianisten Lev Vinocour begibt sich der Film auf die Spur des späten Liszt. Vinocour ist ein ausgezeichneter Kenner der Vita des Komponisten. Auf seiner Reise besucht er bekannte und weniger bekannte Orte, die für Liszts späte Jahre entscheidend waren. So erhielt das Filmteam erstmals Zutritt zu der Wohnung, in der Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, traumatisiert nach den gescheiterten Eheplänen, in Rom unterkommen sollte. Für Jahrzehnte hielt sie, eine Intellektuelle ersten Ranges, Vorhänge und Fenster geschlossen, damit die Keime der Straße nicht in die Wohnung dringen konnten. Vinocour lässt die Orte auf sich wirken, nimmt die Fakten, wendet sie und ordnet sie in den historischen Kontext ein. So entsteht im Zusammenspiel mit der Musik ein lebendiges Bild vom späten Liszt und seiner Zeit, das auf unterhaltsame Weise in vielem den gängigen Vorstellungen widerspricht.

(pt/wa)

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